Ärzte Zeitung online, 03.04.2018

Onkologie

Bisher kaum Überzeugendes für Schwerionen und Methadon bei Hirntumoren

Hirntumorpatienten klammern sich oft an den letzten Strohhalm: Bisher gibt es jedoch weder für die Ionenbestrahlung noch für Methadon überzeugende Daten. Ganz im Gegenteil: Der Schaden erscheint größer als der Nutzen.

Von Thomas Müller

Bisher kaum Überzeugendes für Schwerionen und Methadon bei Hirntumoren

Hirntumor: Viel Patienten setzen ihre Hoffnungen auf Methadon.

© Dr. Matthias Eberhard/Arteria Photography

High-Tech-Einrichtungen wie das Heidelberger Ionenstrahltherapiezentrum (HIT) mit einer 70 Meter langen Gantry wirken auf die Patienten äußerst beeindruckend. Ob das auch auf Gliomzellen zutreffe, sei jedoch eine andere Frage, sagte Professor Uwe Schlegel vom Klinikum der Ruhr-Universität Bochum. Die Ionenstrahltherapie sei vor allem für Tumoren geeignet, die sich in enger Nachbarschaft zu empfindlichem Gewebe befinden, etwa Schädelbasistumoren am Nervus opticus. Hier bestehe mit der konventionellen intensitätsmodulierten Röntgenbestrahlung (IMRT) ein erhebliches Risiko, den Sehnerv zu beschädigen, erläuterte der Neuroonkologe bei der Fortbildungsveranstaltung Neuro Update in Mainz.

Die Protonenbestrahlung ermögliche zwar eine Energieabgabe in einem lokal begrenzten Bereich auch tief im Inneren des Schädels. Dies bedeute jedoch nicht, dass eine Schwerionen- oder Protonenbestrahlung auch bei leichter zugänglichen malignen Gliomen Vorteile gegenüber einer konventionellen Radiatio habe. Hierzu gab es bislang keine prospektiv kontrollierte Studie. Ein nichtrandomisierter unizentrischer Vergleich deutet jedoch auf nahezu identische progressionsfreie und Gesamtüberlebenszeiten.

Häufiger kognitive Probleme

Aufhorchen lasse daher die Zwischenauswertung einer kontrollierten Phase-II-Vergleichsstudie mit 90 Glioblastompatienten (Neuro-Oncol 2017; 19 (suppl. 6) vi16). Die eine Hälfte erhielt eine IMRT, die andere eine intensitätsmodulierte Protonenbestrahlung. Veröffentlicht wurden bislang nur Sicherheitsdaten: Danach kam es mit der Protonentherapie signifikant häufiger zu einer kognitiven Verschlechterung als mit der IMRT (bei 59 versus 37 Prozent).

"Derzeit liegen keine Informationen darüber vor, ob eine Strahlentherapie mit Protonen- oder Schwerionen bei Gliomen besser oder auch nur genauso gut wirksam ist wie die IMRT", so Schlegel. Vielmehr sei eine raschere kognitive Verschlechterung zu befürchten. Sein Fazit: "Im Augenblick gibt es keine Rechtfertigung, Patienten mit einem differenzierten oder malignen Gliom außerhalb einer klinischen Studie einer Therapie mit Schwerionen oder Protonen zuzuweisen."

Immerhin laufen derzeit am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg drei Studien mit Kohlenstoffionen: CLEOPATRA bei Glioblastompatienten, CINDERELLA gegen Gliomrezidive und MARCIE bei Grad-4/5-Meningiomen.

Ebenfalls keine Rechtfertigung sieht Schlegel in der mittlerweile weit verbreiteten Methadonbehandlung. Seit der Veröffentlichung einer tierexperimentellen Studie mit positiven Resultaten würden viele Gliompatienten auf eine Methadonverordnung drängen, die ihnen dann häufig Palliativmediziner gewährten. Der Neuroonkologe hat jedoch Zweifel daran, dass die Methadonkonzentrationen aus den Tierexperimenten bei Menschen ohne erhebliche Nebenwirkungen überhaupt erreichbar sind. Besonders ärgert den Experten, dass Methadonkonsumenten Nebenwirkungen wie psychomotorische Einschränkungen, Vigilanzminderung und kognitive Probleme häufig auf den Tumor zurückführen und deswegen dann beim Onkologen auf der Matte stehen. "Das ist eine Erfahrung, die wir fast täglich machen." Immerhin werde jetzt angestrebt, eine adjuvante Methadontherapie auch klinisch zu prüfen.

Studie zu Tumortherapiefeldern

Bereits veröffentlicht ist hingegen die Studie E14 zu Tumortherapiefeldern (Tumor Treatment Fields, TTF). Bei dem Verfahren bekommen Patienten eine Haube mit großflächigen Keramik-Gel-Pads auf den Schädel gesetzt. Diese sind an einen Stimulator angeschlossen, der ein elektrisches Wechselfeld erzeugt. Dieses soll die Zellteilung stören.

Die Studienresultate sind beeindruckend: Mit der Therapie lebten Glioblastompatienten nach einer kombinierten Radiochemotherapie im Mittel 21 Monate, ohne 16. Das progressionsfreie Überleben war mit 6,7 versus 4,0 Monaten ebenfalls signifikant länger (JAMA 2017; 19; 318:2306–2316). Allerdings wurde die Studie vorzeitig abgebrochen, nachdem der primäre Endpunkt erreicht worden war, zudem gab es keine Placebogruppe mit einer Scheinstimulation. Der GBA fordert aus diesem Grund – und wohl auch aufgrund der hohen Therapiekosten – vor einer Kostenerstattung eine weitere klinische Studie.

Informationen zum med update-Seminarprogramm: med-update.com\gesamtprogramm

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