Ärzte Zeitung, 24.02.2017
 

Keine Zöliakie

Gluten kann auch Reizdarm verursachen

Wenn Reizdarmpatienten, die nicht an Zöliakie leiden, über glutenabhängige Beschwerden klagen, kann das ein Noceboeffekt sein. Es kann sich aber auch um eine Non-Zöliakie-Gluten-Überempfindlichkeit handeln.

Von Beate Schumacher

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Keine Zöliakie: Gluten kann auch Reizdarm verursachen Verdächtigen Reizdarm-Patienten Gluten als Ursache, sollte ein Diätversuch unternommen werden.

© Smileus / fotolia.com

MÜNCHEN. Viele Patienten mit Reizdarmsyndrom geben an, dass bestimmte Lebensmittel eine Verschlechterung ihrer Beschwerden auslösen. "Sehr angesagt ist derzeit Gluten", berichtete Professor Peter Layer vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg beim Internisten- Update. Ob das Klebereiweiß, das in Weizen und Dinkel enthalten ist, tatsächlich Reizdarmbeschwerden auslösen kann, wurde jedoch lange heftig angezweifelt. Angesichts einer verbreiteten Glutenphobie ist es durchaus vorstellbar, dass Reizdarmpatienten ihre Beschwerden irrtümlich so deuten oder Noceboeffekte erleben. Neuere Daten weisen jedoch darauf hin, dass diese Erklärungen nicht ausreichen.

Besonders eindrucksvoll zeigt das eine placebokontrollierte Doppelblindstudie, die Layer vorstellte (Clin Gastroenterol Hepatol 2015; 13: 1604–1612). Die 61 Studienteilnehmer hatten ihre Reizdarmsymptome auf den Verzehr von Gluten-haltigen Lebensmitteln zurückgeführt. Eine Zöliakie ebenso wie eine Weizenallergie waren als Ursache ausgeschlossen worden.

Während der Studie erhielten alle Patienten eine glutenfreie Diät, gleichzeitig wurden sie nach dem Zufallsprinzip zuerst einer Placebogruppe mit Reisstärke und dann einer Verumgruppe mit 4 g Gluten pro Tag zugeteilt oder umgekehrt. "Erstaunlicherweise war die Gesamtsymptomatik im Glutenarm jeweils signifikant schlechter", so Layer. Auch Blähungen und Schmerzen sowie Benommenheit und Depression nahmen jeweils in der Glutenphase signifikant zu. "Die Non-Zöliakie-Gluten-Überempfindlichkeit ist wohl real", konstatierte Layer. Der Zusammenhang sei inzwischen in mehreren Studien bestätigt worden.

Nur was passiert eigentlich beim Reizdarm, wenn doch für die Beschwerden der Patienten bei der (einmalig durchzuführenden) Koloskopie keine Ursache zu erkennen ist? Laut Layer weiß man heute, dass dem Syndrom eine intestinale Barrierestörung zugrunde liegt, die durch Nahrungsmittel induziert werden kann. Als Folge des Barrieredefekts in der Darmmukosa können Inhaltsstoffe aus dem Lumen in die Darmwand hineindiffundieren. Dadurch kommt es dort unter anderem zur Mastzellaktivierung, zur Immunaktivierung und zur Freisetzung von Interleukinen.

Diese Prozesse führen letztlich zu einer Dysregulation des enteralen Nervensystems. Die dazugehörigen Neuronen durchziehen die Darmmuskulatur und regulieren fast autonom den Verdauungstrakt. Eine Störung kann daher Wahrnehmung, Motilität und Transport verändern und auf diese Weise Reizdarmsymptome – Schmerzen/Krämpfe, Diarrhö, Obstipation und/oder Flatulenz/Blähungen – auslösen.

Der Zusammenhang zwischen unverträglichen Lebensmitteln und Barrierestörung ist sogar filmisch dokumentiert. Wurden unverträgliche Substanzen auf die Darmschleimhaut aufgesprüht, ließ sich in einer Studie bei etwa der Hälfte der Patienten im Videoendoskop verfolgen, wie sich zwischen den dicht nebeneinander liegenden Mukosazellen Lücken bildeten. Die betroffenen Patienten wurden nach einer entsprechenden Eliminationsdiät beschwerdefrei.

Für die Praxis empfiehlt Layer, wenn Reizdarmpatienten Gluten als Auslöser ihrer Beschwerden verdächtigen, einen befristeten Diätversuch zu unternehmen. Der sollte aber nur fortgesetzt werden, wenn die Symptome darunter tatsächlich besser werden: "Bitte keine Hysterie – Gluten ist nicht giftig."

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