Ärzte Zeitung online, 06.02.2017

Hirnstimulation

Mit Gleichstrom gegen ADHS: Projekt startet

KIEL. Die traditionelle Therapie von Kindern und Jugendlichen mit chronischen psychischen Störungen wie ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) sieht den Einsatz von Arzneien und Psychotherapie vor. Unter Leitung von Professor Michael Siniatchkin, Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), geht jetzt ein internationales Konsortium einer alternativen Behandlungsmethode nach. Dabei kommt die nicht-invasive Transkranielle Gleichstromstimulation zum Einsatz, teilt die CAU mit. Die Forscher wollen außerdem ein Gerät entwickeln, das die Behandlung auch zu Hause erlaubt. Mit insgesamt 6 Millionen Euro fördert die Europäische Kommission das Forschungsprojekt STIPED (STImulation in PEDiatrics) im Programm "Horizon 2020" über fünf Jahre. Rund 2 Millionen Euro davon gehen an die Kieler Universität.

"Unser Projekt sieht eine einfache Behandlungsmethode vor, die sich leicht in den Alltag von Kindern und Jugendlichen integrieren lässt. Bei dieser Methode werden die mit Mechanismen von ADHS und ASD verbundenen Hirnareale mit einem sehr schwachen elektrischen Strom stimuliert, um ihre Funktion zu verbessern", erklärt Projektleiter Professor Michael Siniatchkin vom Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie in der Mitteilung.

Dabei kommt die nicht-invasive Transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, tDCS) zum Einsatz. "Die Technik hat sich seit 15 Jahren bei der Behandlung von Erkrankungen wie Depressionen, chronische Schmerzen, Tinnitus, Psychosen oder in der Rehabilitation bei Folgen eines Schlaganfalls als gut verträglich, leicht durchführbar und kosteneffektiv erwiesen", so Siniatchkin. "Wir sind sehr optimistisch, dass die Hirnstimulation auch eine sichere Alternative zu bisherigen Behandlungen von neuropsychiatrischen Störungen wie ADHS und ASD sein kann", so der Projektleiter weiter. Im Projekt STIPED erforscht das Wissenschaftsteam erstmals die Effekte dieser Art von Hirnstimulation bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS und ASD.

Insgesamt fünf klinische Studien sind im Zuge des Forschungsprojektes geplant, heißt es in der Mitteilung der CAU. Neben den Kindern und ihren Familien würden auch Betreuungspersonen und Lehrkräfte in die jeweilige Fragestellung der Studien mit eingebunden. Damit werde sichergestellt, dass sich die neue Behandlungsmethode gut in das Leben der Betroffenen einfügt und mögliche Bedenken und Anforderungen hinreichend bedacht werden.

Begleitet wird dies durch ethische Forschung, erklärt Alena Buyx, Professorin für Medizinethik am Institut für Experimentelle Medizin: "Kinder mit Störungen wie ADHS und ASD sind eine besonders zu schützende Gruppe. Daher achten wir in STIPED strikt auf ethisch korrektes Vorgehen in der Forschung. Zusätzlich wollen wir in einer Befragungsstudie herausfinden, wie die Beteiligten die neuen Methoden bewerten und welche ethischen und sozialen Implikationen diese haben können."

Parallel zu den Studien arbeitet das Konsortium auch an der Entwicklung einer speziellen Elektronenkappe, mit der Betroffene direkt zu Hause behandelt werden können – unterstützt durch einen persönlichen Teleservice. Über diese medizinische Betreuung aus der Ferne wird eine sichere, fortlaufende Überwachung der Symptome und der Stimulationsparameter ermöglicht. Arzttermine und Gesundheitskosten können dadurch reduziert und gleichzeitig die Akzeptanz der Behandlung erhöht werden.

Interessierte könnten sich ab Juni 2017 für die Teilnahme an den Studien zu ADHS und ASD anmelden, teilt die CAU mit. (mal)

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