Ärzte Zeitung, 18.01.2007

Angststörung kann Schmerzen bereiten

Jeder vierte Patient mit Angststörung klagt über chronische Schmerzen / Befragung in 400 Arztpraxen

BERLIN (ugr). Bei Patienten mit einer generalisierten Angststörung (GAD) erkennen Ärzte zwar meistens eine psychische Störung. Die genaue Diagnose fällt ihnen aber schwer, hat eine Befragung in 400 Hausarztpraxen ergeben. Offenbar liegt dies daran, dass Patienten mit einer Angststörung selten wegen ihrer Angst einen Arzt aufsuchen.

Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzenn kann auch eine Angststörung hinter den Beschwerden stehen. Foto: imago

Bei der Befragung stellten die Ärzte zwar bei 86 Prozent der GAD-Patienten fest, dass sie wegen einer psychischen Störung eine Therapie benötigten. Doch nur bei 27 Prozent wurde die korrekte Diagnose gestellt. "Dies liegt offensichtlich an den vielen Syndromwechseln und Intensitätsschwankungen, sie können bei der Diagnose in die Irre führen", hat Professor Hans-Ullrich Wittchen bei einem Psychiatrie-Kongress in Berlin berichtet.

Nur wenige Patienten gehen wegen ihrer Ängste zum Arzt

Als Motiv für den Arztbesuch gaben in der Untersuchung nur 5 Prozent der GAD-Patienten auch tatsächlich Angst an. Für 3,7 Prozent standen psychische und für 6,1 Prozent depressive Beschwerden im Vordergrund. Dagegen klagte jeder zehnte über Schlafstörungen, gar jeder vierte über chronische Schmerzen, etwa Rückenschmerz. Wegen dieses meist unklaren Bildes vergehen bei über 30 Prozent der Patienten mehr als zehn Jahre bis zur ersten spezifischen Therapie, so Wittchen bei einer Veranstaltung von Pfizer.

Anders als andere Angsterkrankungen ist die GAD durch niedrige Prävalenz in der Adoleszenz und bei jungen Erwachsenen charakterisiert: Nur ein bis zwei Prozent sind erkrankt. "Erst jenseits des 35. Lebensjahres stellen wir deutlich ansteigende Raten fest. Die höchste Prävalenz mit über zehn Prozent finden wir bei den 40- bis 60-jährigen Frauen", sagte Wittchen. Im Alter sei die GAD die häufigste Angststörung.

Ein Fünftel wird mit Antidepressiva behandelt

Obwohl es etablierte pharmakologische und psychotherapeutische Verfahren gibt, werden diese nur selten angewandt. Das sagte Wittchen mit einem Blick auf eine Befragung von über 930 GAD-Patienten. Nur 21 Prozent wurden mit Antidepressiva behandelt, 17 Prozent mit Benzodiazepinen, nur zwölf Prozent bekamen eine Psychotherapie. "Selbst wenn die Erkrankung richtig erkannt wird, erhalten nur die wenigsten eine State-of-the-art-Therapie."

Zur GAD-Therapie ist seit März 2006 auch das Antikonvulsivum Pregabalin (Lyrica®) zugelassen. Es wirke ähnlich gut wie Antidepressiva und Benzodiazepine, beeinträchtige jedoch nicht die sexuelle Funktion und wirke nicht übermäßig sedierend, hieß es auf der Veranstaltung.

STICHWORT

Generalisierte Angststörung (GAD)

Patienten mit generalisierten Angststörungen (GAD) sind oft ruhelos, haben Muskelverspannungen, sind reizbar, unkonzentriert und haben häufig Schlafstörungen. Chronische Schmerzen und GAD bedingen sich oft gegenseitig: Das Risiko, an dem jeweils anderen Leiden zu erkranken, ist um ein Vielfaches erhöht. Auch zu Depressionen besteht eine enge Beziehung: Bei GAD-Patienten beträgt das Risiko, in den nächsten zehn Jahren an einer Depression zu erkranken, mehr als 50 Prozent. Insgesamt liegt das Risiko, einmal im Leben eine GAD zu bekommen, bei 8,3 Prozent. Es sind doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen. (ugr)

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