Ärzte Zeitung, 19.05.2005

"Als ob das Telefon läutet - aber niemand ist dran"

Phosphene, von der Sehbahn ausgehende Bilder, sind nicht immer harmlos / Vergiftung oder Entzündung als Auslöser

TÜBINGEN (ars). Phosphene, also Lichtreize oder Bilder, die von der Sehbahn selbst ausgehen, sind nicht immer harmlos. Phosphene der Netzhaut oder des Sehnerven können auch auf pathologische Prozesse zurückgehen. Deshalb sollte die Ursache immer abgeklärt werden.

Illustration eines Migränephosphens. Der Lichteindruck hat die Form einer Festung. Typisch sind Flimmerskotome, die von einer Seite des Gesichtsfeldes zur anderen ziehen und dabei die Form wechseln. Fotos (2): Prof. Eberhart Zrenner, Tübingen

"Mit Phosphenen verhält es sich, als ob das Telefon läutet, aber niemand ist dran", so Professor Eberhart Zrenner von der Augenklinik in Tübingen bei einer Tagung an der Klinik. Wie er erläuterte, werden Phosphene zu den Halluzinationen gerechnet. Abhängig auch von kulturellen Inhalten nehmen sie viele Gestalten an.

Entwicklung eines Druckphosphens: "a" bis "c": Entwicklung der Lichterscheinungen beim Drücken,
"d": Entwicklung nach dem Loslassen.

Phosphene können von jedem Abschnitt der Sehbahn - Netzhaut, Sehnerv, Gehirn - ausgehen. Von der Netzhaut ausgehende Erscheinungen sind meist einfache, kaum geformte Muster: Punkte, Flächen, Farben, Blitze oder geometrische Figuren. Blaue Phosphene sind häufiger als rote.

Netzhaut-Phosphene entstehen durch eine Umlagerung (Isomerisation) des Rhodopsins, die entweder spontan, ohne ersichtlichen Anlaß erfolgt oder durch einen äußeren Faktor erzeugt wird. Mögliche Auslöser sind Röntgenstrahlen oder kosmische Partikel, elektromagnetische Felder oder elektrische Ströme, mögen sie auch noch so schwach sein: Es reicht schon eine entladene Taschenlampenbatterie, die man sich ans Auge drückt. Auch Medikamente rufen Phosphene hervor.

Bekannt sind die blauen Blitze durch Viagra, die dadurch zustande kommen, daß die Potenzpille nicht nur die Phosphodiesterase im Schwellkörper hemmt, sondern auch das strukturell ähnliche Enzym der Netzhaut. Mechanische Ursachen sind die Kräfte der Augenmuskeln bei der Akkomodation, sakkadische Augenbewegungen oder Druck auf den Bulbus.

So beschrieb ein Proband ein Druckphosphen als mondsichelartigen Lichteindruck, der sich zu einem Sternenhimmel ausweitete und dann in Schlieren wieder zurückbildete. Auch Glaskörperabhebungen bewirken gelegentlich Lichtblitze durch Zug der Augenhäute. Alle diese Phosphene sind harmlos.

Da Phosphene auch Zeichen einer Erkrankung sein können, muß nach der Ursache geforscht werden. In Betracht kommen Netzhautablösung, Erhöhung des Augeninnendrucks, Entzündung des Sehnerven, Gefäßverengungen durch Stenosen oder Embolien, aber auch Vergiftungen, zum Beispiel mit Digitalis.

Lesen Sie dazu auch:
Visionen als Phosphene durch Migräne gedeutet

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »

Eine Milliarde Euro mehr für Ärzte? KBV ist "enttäuscht"

Die Vertragsärzte in Deutschland bekommen im nächsten Jahr knapp eine Milliarde Euro mehr an Honorar. Das ist das Ergebnis der Honorarverhandlungen zwischen KBV und GKV-Spitzenverband. mehr »