Ärzte Zeitung online, 09.02.2015

Ambulanz geplant

Psychotherapie soll Vergewaltigungen verhindern

Mit wissenschaftlicher Hilfe potenzielle Vergewaltiger stoppen: Sexualforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover wollen eine Ambulanz für Männer mit Gewaltfantasien einrichten.

HANNOVER. Kein Mann läuft abends durch den Park und beschließt spontan, eine Spaziergängerin zu vergewaltigen.

"Gewalttätige Übergriffe haben einen Vorlauf in der Seele und in der Sexualität der Täter", sagt Uwe Hartmann.

Der Sexualtherapeut will an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein Präventionsprojekt starten, das Männer mit Gewaltfantasien anonym und kostenlos behandelt.

"Jede einzelne Straftat, die wir verhindern können, ist etwas Positives", betont er. Es gehe teilweise um Leben oder Tod. Vergewaltigungsopfer litten zudem lebenslang unter den Folgen.

Seit knapp drei Jahren gibt es an der MHH bereits eine Ambulanz für pädophile Männer, angeschlossen an das bundesweite Netzwerk "Kein Täter werden".

Gruppen- und Einzeltherapien geplant

Die geplante neue Anlaufstelle soll Gewalttaten gegen erwachsene Frauen verhindern helfen. "Ein junger Mann hat sich an uns gewendet und gesagt: Mich quälen diese Fantasien, warum gibt es denn nicht für mich so ein Angebot, warum nur für Leute mit pädophiler Neigung?", berichtet der Wissenschaftler.

Geplant sind Gruppen- und Einzeltherapien. "Für die Betroffenen ist es sehr hilfreich, vor anderen auszupacken, denen es genauso geht."

2013 wurden bundesweit 7408 Vergewaltigungen der Polizei bekannt, die Dunkelziffer ist weit höher.

Nach Angaben der Organisation Terre des Femmes hat jede siebte Frau schon einmal eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erlebt.

Eigener Mann oder Ex als Täter

In den meisten Fällen geht die Gewalt vom eigenen Mann beziehungsweise Ex-Partner aus.

In einer 2014 veröffentlichten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen gaben 4,9 Prozent aller befragten Frauen an, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein.

Experten beklagen, dass es zu wenige Präventionsangebote in Deutschland gibt. Bei dem Projekt "Keine Gewalt- und Sexualstraftat begehen" in Baden-Württemberg müssen sich betroffene Männer auf Wartezeiten einstellen, heißt es auf der Internetseite der Behandlungsinitiative Opferschutz.

Bundesweit setzt die Behandlung von Gewalttätern oft erst nach einer Anzeige oder gar nach einer Verurteilung ein.

In Niedersachsen fördert das Sozialministerium inzwischen elf Täterberatungsstellen, die von der Polizei über sämtliche Fälle häuslicher Gewalt in der Umgebung informiert werden. Langfristig soll es flächendeckend solche Einrichtungen geben.

"Nur wenige kommen zu uns freiwillig", sagt Peter Hahlbrock von der im vergangenen Jahr neu eingerichteten Täterberatungsstelle Kwabsos in Hildesheim.

Zumeist werden die Männer von den Justizbehörden zu einer Schulung verpflichtet.

Das Thema sexuelle Gewalt werde in den Gruppensitzungen nur selten angesprochen, weil es noch deutlich tabuisierter sei als körperliche Misshandlungen, sagt der Pädagoge.

Psychotherapie, wie sie nun die MHH plant, könne seine Täterberatungsstelle nicht anbieten.

Geldgeber gesucht

Für das Präventionsprojekt gegen Vergewaltigungen an der MHH sucht das Team jetzt Geldgeber.

Das Programm soll wissenschaftlich begleitet werden, denn bisher stehen die Täter noch nicht so sehr im Fokus der Forschung.

"Grundsätzlich sind Vergewaltiger dissozial. Sie haben Probleme, Regeln und Gesetze zu befolgen", sagt der Bonner Rechtspsychologe Rainer Banse.

Es gebe eine Debatte darüber, ob eine Subgruppe das Vergewaltigen selber sexuell erregend finde.

Der MHH-Professor Hartmann sieht als Motive unter anderem Machtausübung, Rache, Ärger oder grundsätzlicher Hass auf Frauen.

"Teilweise ist Alkohol im Spiel, um sich zu enthemmen und das Gewissen auszuschalten."

Wenn Angeklagte vor Gericht von einem Filmriss sprächen, sei dies eine offene Schutzbehauptung. (dpa)

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