Ärzte Zeitung online, 12.09.2018

Nach Apoplexie:

Mit Elektrostimulation bildet sich die Dysphagie zurück

Die pharyngeale elektrische Stimulation (PES) hilft Schlaganfallpatienten mit Tracheotomie gegen die Dysphagie, wie eine Studie ergeben hat.

Von Wolfgang Geissel

176a0701_8112383-A.jpg

Die pharyngeale elektrische Stimulation (PES) aktiviert bei Dysphagie die sensiblen Leitungsbahnen (gelb), die das Schlucken steuern.

© Phagenesis

ESSEN. Etwa jeder achte Schlaganfallpatient in der Klinik muss künstlich beatmet werden und bei 16,3 Prozent von ihnen ist eine Tracheotomie nötig, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer Mitteilung . In der Rehabilitation dieser Patienten ist die sichere Entfernung der Trachealkanüle ein wichtiges Ziel, um das Risiko von Atemwegskomplikationen zu verringern, so die DGN: In diesem Szenario sei eine schlaganfallbedingte Dysphagie der Hauptgrund, warum bei Betroffenen die Entwöhnung von der Trachealkanüle häufig nur sehr langsam oder überhaupt nicht gelinge.

Multizentrische Studie

Zur Reaktivierung des Schlucknetzwerkes gibt es seit einigen Jahren die sogenannte pharyngeale elektrische Stimulation (PES). Bei tracheotomierten Schlaganfallpatienten ist jetzt die Wirksamkeit dieser innovativen Methode mit einer Scheintherapie verglichen worden, und zwar in der vom PES-Geräte-Hersteller Phagenesis finanzierten multizentrischen Interventionsstudie PHAST-TRAC. In der Studie wurden 69 Patienten von neun Zentren nach dem Zufallsprinzip entweder einer Gruppe mit PES (n=35) oder mit Scheinbehandlung (n=34) zugewiesen (Lancet Neurol 2018; online 28. August).

Das Ergebnis: Bei Patienten mit PES bildete sich die schlaganfallbedingte Dysphagie deutlich rascher zurück. Deshalb konnte auch die Trachealkanüle bei signifikant mehr Patienten unmittelbar nach der Stimulationstherapie entfernt werden (49 versus 9 Prozent). Darüber hinaus war der Krankenhausaufenthalt der Patienten mit erfolgreicher PESBehandlung, durchschnittlich um 22 Tage kürzer als bei Patienten ohne eine erfolgreiche PES.

"Riesengewinn für Patienten"

Die Experten sind voll des Lobes über die neue Therapie-Option: "Die PES ist für tracheotomierte Schlaganfallpatienten nicht nur ein Riesengewinn, weil die Trachealkanüle schneller entfernt werden kann und der Krankenhausaufenthalt sich signifikant verkürzt, sondern auch, weil so das Risiko von Folgekomplikationen reduziert wird", betont Professor Peter Berlit, Generalsekretär der DGN und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen, in der Mitteilung. Und Studienleiter Professor Rainer Dziewas von der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Münster (UKM) fügt hinzu: "Neben diesen eindeutigen Effekten war insbesondere auch erfreulich, dass die Stimulationstherapie in PHAST-TRAC keine schwerwiegenden Nebenwirkungen mit sich brachte. Die PES stellt damit für diese schwerstkranken Patienten eine echte Therapieoption dar".

Und Professor Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie des UKM, freut sich über den Transfer von der Grundlagenforschung in die Klinik: "Die gesamte Entwicklung der PES von den vielfältigen Grundlagenstudien, die ja zum Teil noch aus dem letzten Jahrtausend datieren, über die wichtigen klinische Pilotprojekte bis hin zu der nun positiv abgeschlossenen Multicenterstudie stellt ein Paradebeispiel für die translationale klinische Forschung dar", betont er.

Sonde wird über die Nase eingeführt

Bei der PES wird eine dünne Sonde über die Nase in den Ösophagus eingeführt. Diese Sonde ist mit einem Paar Ringelektroden bestückt, über die die Rachenhinterwand elektrisch stimuliert werden kann. Dies geschieht an drei aufeinanderfolgenden Tagen für jeweils zehn Minuten. Physiologisch wirkt diese Stimulationstherapie, indem sie die sensiblen Leitungsbahnen, die das Schlucken steuern helfen, aktiviert und so das komplex strukturierte Schlucknetzwerk moduliert und neuronale Reorganisation induziert.

Neurowoche 2018

  • Dreitägiger Basiskurs der DGN zur flexiblen endoskopischen Evaluation des Schluckaktes (FEES).
  • Ziel ist die Ausbildung in der endoskopischen Dysphagiediagnostik zu optimieren.
  • Termin: 30. Oktober bis 1. November in Berlin.

Infos: www.dgn.org/fortbildungskalender

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Kleine Kinder sollten lieber mit Bauklötzen spielen als mit Smartphones, raten Augenärzte. Denn: Wenn die Kleinen häufig und lange auf Bildschirme starren, leiden nicht nur ihre Augen. mehr »

Quereinstieg zum Hausarzt – reicht ein Jahr Weiterbildung?

Der Deutsche Hausärzteverband warnt vor einer Verwässerung der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Ein Jahr Weiterbildung reiche nicht für Umsteiger aus der Klinik. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »