Ärzte Zeitung online, 24.11.2018

Hirnblutungen

Personalisierte Prävention für Frühchen?

Hirnblutungen nehmen bei Frühgeborenen großen Einfluss auf die Langzeitprognose. Kann ein altbekannter Biomarker helfen, Risikokinder zu erkennen?

BERLIN. Alle reden über personalisierte Medizin, aber keiner tut was dafür? Beim diesjährigen Symposium der Paul-Martini-Stiftung in Berlin hatte Professor Wolfgang Göpel, Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, ein gutes Beispiel parat, wie im Zusammenspiel zwischen genetischer Diagnostik und gezielter Therapie bei Frühgeborenen die medizinische Versorgung verbessert werden kann.

„Die Hirnblutung ist bei Frühgeborenen einer der wichtigsten Risikofaktoren für ein schlechtes neurokognitives Langzeit-Outcome“, so der Neonatologe. Fast immer trete diese Art von Blutung in den ersten 72 Lebensstunden auf. Es gibt also ein relativ klar umrissenes Zeitfenster, in dem mit Präventionsmaßnahmen angesetzt werden könnte.

Bei Analyse der prospektiven, vom Bundesforschungsministerium geförderten GNN-Kohorte des German Neonatal Network stellten Göpel und seine Netzwerkkollegen in einer gerade in Publikation befindlichen Forschungsarbeit fest, dass die beiden Genotypen 2 und 4 des Apolipoproteins E (ApoE) das Risiko für frühkindliche Hirnblutungen stark erhöhen. Der Zusammenhang zwischen ApoE und Hirnblutungen war bei Erwachsenen bereits bekannt, dass er auch für Kinder gilt, ist eine Überraschung.

ApoE4 ist bei Erwachsenen in erster Linie als Risikofaktor für Alzheimer bekannt.

Auf Basis der neuen Erkenntnisse könnte jetzt versucht werden, eine präventive Medikation zu entwickeln. Gesucht ist ein Pharmakon, das das hinsichtlich Hirnblutungen neutrale oder vielleicht sogar protektive Apolipoprotein E3 imitiert, also die „normale“ Form des ApoE.

Die Idee wäre, ApoE2/4-Träger pränatal zu identifizieren und sie dann gezielt zu schützen, um die riskanten ersten Tage nach der Geburt zu überbrücken. Natürlich müssen solche personalisierten Präventionsansätze in randomisierten Studien überprüft werden. „Das Beispiel zeigt aber, was für ein Potenzial in Kohortenstudien steckt, wenn sie mit genetischen Daten kombiniert werden“, sagte Göpel. (gvg)

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