Ärzte Zeitung, 04.07.2014
 

Rezessions-Depression

Amerikaner leiden unter Jobverlust stärker als Europäer

In Europa hat die Rezession der vergangenen Jahre weit weniger am Nervenkostüm der Bewohner genagt als in den USA. Grund dafür ist offenbar die bessere soziale Absicherung.

Von Thomas Müller

Amerikaner leiden unter Jobverlust stärker als Europäer

"You´re fired" - Du bist gefeuert! Eine Entlassung schlägt US-Amerikanern stärker aufs Gemüt als Europäern.

© jrwassermann / iStock / thinkstock.com

Krise? Welche Krise? - Das mag man sich in Deutschland fragen, angesichts einer boomenden Wirtschaft und einer seit Jahren konstant niedrigen Arbeitslosenquote.

An den Folgen der großen Finanz- und Wirtschaftskrise kränkeln vor allem die anderen. So haben die ökonomischen Schockwellen nach dem Zusammenbruch der US-Immobilien- und Spekulationsblase im Jahr 2008 in vielen Industrieländern deutliche Spuren in der Seele ihrer Einwohner hinterlassen.

Es lohnt sich aber auch für uns Deutsche, die psychischen Auswirkungen der "Great Recession", wie die Krise im anglo-amerikanischen Raum bereits genannt wird, zu analysieren, damit wir nicht eines Tages aus allen Wolken in ein ähnlich tiefes Loch fallen.

Gravierend sind die Folgen der Krise vor allem für ältere Erwerbstätige. Verlieren sie ihren Job, haben sie es besonders schwer, wieder in Lohn und Brot zu kommen, und laufen Gefahr, das fürs Alter angesparte Kapital vorzeitig zu verbrauchen oder durch eine längere Arbeitslosigkeit ihre Rente zu schmälern.

Ökonomen und Gesundheitswissenschaftler um Dr. Carlos Riumallo-Herl aus London haben nun geschaut, welche Auswirkungen der Jobverlust während der Großen Rezession gerade auf die Psyche solcher Menschen hatte (Int J Epidemiol 2014; online 18. Juni).

Dafür haben sie Daten von etwa 40.000 Einwohnern im Alter von 50 bis 64 Jahren analysiert, die in den USA und Europa an Kohortenstudien teilgenommen haben.

Während der Krise hatte sich die Arbeitslosenrate in dieser Altersgruppe in den USA von 3,1 auf 7,3 Prozent mehr als verdoppelt, doch auch in Europa stieg sie von 5,4 auf 6,2 Prozent deutlich an.

Zugleich nahmen die Werte auf Depressionsskalen in den USA bei denjenigen, die in der Krise ihren Job verloren haben, um 4,8 Prozent zu, in Europa fiel der Anstieg mit 3,4 Prozent signifikant geringer aus. Den Europäern scheint die Arbeitslosigkeit folglich weniger aufs Gemüt zu schlagen.

Reiche Arbeitslose so unglücklich wie arme

Interessant ist auch der Zusammenhang mit dem Vermögen: Glitten arme US-Bürger in die Arbeitslosigkeit, stiegen ihre Depressionswerte vierfach stärker an als bei Arbeitslosen im oberen Einkommensbereich. Und das war bei den Europäern nicht der Fall: Hier waren die reichen Arbeitslosen ähnlich unglücklich wie die armen.

Die britischen Forscher ziehen daraus zwei Schlussfolgerungen: Zum einen scheinen die sozialen Sicherungssysteme in Europa die Folgen der Arbeitslosigkeit auf die Psyche etwas abzumildern, zum anderen ist Geld nicht alles: Auch Gutverdiener werden depressiv, wenn sie ihren Job verlieren, weil dieser eben auch etwas mit Status, Selbstwertgefühl und sozialem Umgang zu tun hat. Letzteres kann wohl niemand verhindern, aber den finanziellen Ruin aufgrund der Arbeitslosigkeit schon.

Die ungleiche Entwicklung in Europa und den USA lässt sich auch an anderen Zahlen ablesen: In den Jahren vor der Großen Rezession ist in den USA die Zahl der Suizide kontinuierlich gestiegen, in Europa dagegen gefallen.

Während der Krise beschleunigte sich der Anstieg in den USA, in Europa und auch Deutschland drehte der Abwärtstrend lediglich kurz nach oben, um dann weiter zu sinken oder konstant zu bleiben.

Insgesamt, so schätzen britische Forscher, töteten sich in der westlichen Welt während der Krise 10.000 Menschen mehr als statistisch zu erwarten waren (The British Journal of Psychiatry 2014, online 12. Juni). Und auch dagegen ließe sich etwas tun.

Gute Beispiele sind Schweden und Österreich. Dort kam es trotz ökonomischer Schwierigkeiten in der Krise nicht zum Anstieg der Suizidraten.

Die Soziologen um Aaron Reeves von der Universität in Oxford halten daher eine Entkoppelung der Suizidhäufigkeit von der wirtschaftlichen Lage für möglich - zum einen durch eine finanzielle Absicherung, zum anderen durch entsprechende Präventionsprogramme, die Suizidgefährdete rechtzeitig auffangen.

40 Prozent mehr Suizide in Griechenland während der Schuldenkrise

Eine solche Entkoppelung werden sich jedoch nur wohlhabende Länder leisten können - da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Wie schnell Staaten in der Lage sind, ihre Sicherungssysteme über Bord zu werfen, wenn sie in Schieflage geraten, hat Griechenland eindrucksvoll gezeigt: In der Schuldenkrise stieg die Suizidrate innerhalb eines Jahres um 40 Prozent. Drastisch gekürzt wurden nicht nur Arbeitsmarktprogramme, sondern auch Gesundheitsleistungen.

Da niemand weiß, wann auch Deutschland von der staatlichen Schuldenlast erdrückt wird und wie lange unser soziales Netz dann noch hält, täte die Politik gut daran, in goldenen Zeiten wie diesen die Schulden abzubauen und den Bürgern Anreize zu geben, selbst fürs finanzielle und psychische Wohlergehen im Alter vorzusorgen.

Niedrigere Steuern und sinkende Rentenbeiträge bei den derzeit sprudelnden Einnahmen ließen sich dafür hervorragend nutzen.

Stattdessen werden wieder einmal auf Kosten künftiger Generationen Wohltaten verteilt - das aktuelle Rentenpaket der großen Koalition lässt grüßen. Man kann nur hoffen, dass die nächste große Rezession noch weit weg ist.

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