Ärzte Zeitung online, 20.11.2018

Wassertiere untersucht

Antidepressiva in australischen Gewässern

Die Fische und Schnabeltiere in den Flüssen von Melbourne müssten eigentlich stets gut drauf sein: Sie bekommen über ihre Beute ähnlich viele Antidepressiva verabreicht wie so mancher depressive Australier.

Von Thomas Müller

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Vor allem mit Antidepressiva wie Citalopram und Venlafaxin scheinen urbane Gewässer in Australien verunreinigt zu sein.

© Hoda Bogdan / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie hoch ist die Arzneimittelbelastung in Tieren in und an urbanen Gewässern?

Antwort: Insektenlarven und ufernahe Spinnen in sechs Bächen der Stadt Melbourne enthalten knapp 70 verschiedene Arzneistoffe aus menschlichen Abwässern.

Bedeutung: Solche Arzneimittel scheinen sich in diversen Nahrungsketten anzureichern.

CLAYTON / AUSTRALIEN. Ob die Fische, Fliegenlarven und Uferspinnen an urbanen Gewässern in Australien besonders gesund sind, weiß wohl keiner so genau.

Allerdings nehmen sie teilweise mehr Medikamente auf als so mancher menschliche Bewohner des südlichen Kontinents – sowohl was die Zahl der pharmakologischen Wirkstoffe als auch ihre Konzentration betrifft.

Vor allem mit Antidepressiva sind sie gut ausgestattet: Sie machen teilweise über 40 Prozent der Menge an nachweisbaren Arzneimitteln im Gewebe von Wassertieren und ihren Jägern aus. Mag die Lage an den städtischen Gestaden also noch so trist sein, für reichlich Stimmungsaufheller ist jedenfalls gesorgt.

69 Arzneistoffe nachgewiesen

Wie stark urbane Gewässer mit Medikamenten belastet sind und wie diese sich in der ufernahen Nahrungskette anreichern, haben Chemiker um Dr. Erinn Richmond von der Monash-Universität in Clayton, Victoria, am Beispiel der Großstadt Melbourne untersucht (Nat Comm 2018; 9:4491).

Sie sammelten aus sechs Bächen der Stadt knapp 200 Proben von wasserlebenden Insektenlarven sowie von Spinnen, die sich am Ufer von solchen Larven ernähren.

Damit wollten sie sehen, wie stark wasserlebende Organismen mit Medikamenten aus menschlichem Abwasser kontaminiert sind und wie sich diese in benachbarten Ökosystemen verteilen.

Alle Gewässer bis auf einen Bach hatten Zuflüsse von Kläranlagen oder leckenden Abwasserleitungen oder kamen in andere Weise mit der Kanalisation in Kontakt.

Insgesamt wiesen die Forscher in den Invertebraten 69 verschiedene pharmakologische Substanzen aus 23 Arzneimittelklassen nach. In jeder einzelnen Probe fanden sie mindestens ein Arzneimittel in einer Konzentration von mehr als 1 ng / g im Trockengewicht.

Die Belastung erreichte in einzelnen Insektenlarven Spitzenwerte von über 66.000 ng / g und lag je nach Gewässer im Mittel bei 275 bis 27.200 ng / g.

Zum Teil deutlich höhere Werte erreichten netzbildende Spinnen, die am Ufer Jagd auf schlüpfende Insekten machen. Bei ihnen wurden Spitzenwerte bis rund 83.000 ng / g gemessen.

Abwässer aus der Kläranlage

An manchen der Gewässer erreichte die Arzneimittelkonzentration in den Spinnen 20-fach höhere Durchschnittswerte als in den Insektenlarven. Die Forscher um Richmond gehen also davon aus, dass Arzneimittel in den Spinnen stark akkumulieren.

Dies war jedoch nicht an allen Standorten der Fall, an manchen Gewässern lagen die Werte der Spinnen kaum höher als die der Insekten. Möglicherweise würden Spinnen dort bevorzugt nichtaquatische Insekten konsumieren, vermuten die Wissenschaftler.

Bezogen auf die einzelnen Arzneimittel wurden über alle Standorte hinweg am häufigsten Memantine, Codein, Fluconazol, Clotrimazol und Mianserin nachgewiesen. Die höchsten Konzentrationen erreichten jedoch Antidepressiva wie Citalopram und Venlafaxin sowie das Antimykotikum Clotrimazol.

Dies war vor allem in einem Bach der Fall, der Abwässer aus einer Kläranlage bekam. Die drei Substanzen spürten die Forscher dort in Köcherfliegenlarven in einer mittleren Konzentration von jeweils 5000 bis 7000 ng / g auf.

In diesem am stärksten mit Arzneimitteln belasteten Gewässer erreichte die berechnete Gesamtkonzentration aller Medikamente in aquatischen Insekten einen mittleren Wert von 60.000 ng pro Quadratmeter Wasseroberfläche. 40 Prozent davon gingen auf das Konto von Antidepressiva.

Tägliche Medikamentenaufnahme

Aus diesen Daten sowie anhand von Futtergewohnheiten berechneten die Forscher wiederum die tägliche Medikamentenaufnahme eines australischen Schnabeltiers und einer Forelle und setzten diese in Bezug zur üblichen Dosis bei Menschen.

Das Schnabeltier würde demnach täglich knapp 1,2 mg Arzneimittel pro kg Körpergewicht zu sich nehmen, die Forelle jeden Tag 0,5 mg / kg.

Das Schnabeltier nähme bezogen auf sein Körpergewicht täglich etwa 60 Prozent der üblichen Humandosis an Antidepressiva auf, die Forelle 30 Prozent.

Welche Auswirkungen solche Arzneimittelkonzentrationen auf wasserlebende Wirbeltiere haben, sei noch völlig unklar, schreiben die Chemiker um Richmond. Depressionen dürften jedenfalls recht selten sein.

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