Ärzte Zeitung, 26.09.2007

HINTERGRUND

Auf Zehenspitzen laufen bei Musik - das hält Parkinson-Kranke länger beweglich

Von Thomas Meißner

Mit speziellen Übungen können Parkinson-Patienten ihre Gehfähigkeit verbessern. Foto: Deutsche Parkinson Vereinigung

Individuell gestaltete Sportprogramme können vielen Parkinson-Patienten helfen. Motorik, Gang und Gleichgewicht bessern sich. Und weil die Bewegungsabläufe ökonomischer werden, erhöhe sich auch die kardiovaskuläre Ausdauer, so die Neurologin Dr. Iris Reuter von der Uniklinik in Gießen und ihr Kollege Privatdozent Dr. Martin Engelhardt aus München (Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 5, 2007, 123).

So sei bereits in einer Studie von 1987 eine Zunahme des zerebralen Blutflusses bei körperlicher Aktivität von Parkinson-Patienten nachgewiesen worden. Außerdem würden Dopamin und Serotonin vermehrt ausgeschüttet. Mehrere Übungsstunden pro Woche führten in klinischen Studien zu besseren motorischen Leistungen, und Alltagsaktivitäten fielen den Patienten leichter.

Allerdings gibt es bislang keine Daten dazu, welche Übungen bei welchen Symptomen der Parkinson-Erkrankung am besten geeignet sind. Die zerebrale Durchblutung lässt sich durch Ausdauer-Training steigen. Für eine großflächige Aktivierung und Deaktivierung von Neuronen oder eine verstärkte Neurogenese bräuchte es dagegen Übungen mit komplexen Bewegungsabläufen, berichten Reuter und Engelhardt.

Es gibt Untersuchungen, wonach aktive und passive Mobilisations-Übungen das Gleichgewicht stabilisieren. Kraftübungen sind gerade für den Alltag wichtig, zum Beispiel für das Treppensteigen. Ergometer-Training, Aquajogging oder das wohl dosierte Krafttraining an Geräten kann erfolgreich sein. Wohl dosiert heißt, dass mit etwa 50 bis 60 Prozent der Maximalkraft geübt werden sollte bei 15 bis 20 Wiederholungen.

Bei der Auswahl der Sportarten kann man sich an den Krankheitsstadien nach Hoehn und Yahr orientieren. Sind in den Stadien I und II noch prinzipiell fast alle Sportarten geeignet, sollte man sich etwa im Stadium IV beispielsweise auf Wandern zu ebener Erde, Wassergymnastik oder ein leichtes Krafttraining beschränken. Im Stadium V ist, abgesehen von Krankengymnastik, keine Sporttherapie möglich.

Spezifische Symptome können gezielt mit bestimmten Übungsarten angegangen werden. Beim "Hastening", "Freezing" und Abstoppen sollten verschiedene Gangarten (vorwärts, rückwärts, auf Zehenspitzen) geübt werden, bei Hyperkinesien großamplitudigen Bewegungen Bewegungen. Um Bewegungen aufrecht zu erhalten sowie sie zu initiieren, haben sich externe, rhythmische Stimuli bewährt, etwa ein Metronom oder Musik. Reuter und Engelhardt deuten an, dass es problematisch sein kann, die Patienten zur Bewegung zu motivieren. Parkinson-Patienten zeigen bekanntlich häufig einen verminderten Antrieb, sind depressiv verstimmt und schnell müde. Teilweise befürchten sie, die intensive körperliche Aktivität würde den Dopamin-Verbrauch erhöhen und die Krankheit verschlechtern.

Deshalb gilt es, die Patienten vom Gegenteil zu überzeugen, zumal sich Sport auch günstig auf die Psyche auswirkt. Zwar kann Sport nicht verhindern, dass die Erkrankung fortschreitet. Körperliche Aktivität trägt aber dazu bei, die Bewegungsfähigkeit möglichst lange zu erhalten. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Sport eine Inaktivitäts-Osteoporose verhindert oder verzögert und sich günstig auf Lungenfunktion und Kognition auswirkt.

Wird Parkinson-Patienten Sport empfohlen, sollte man einige Punkte beachten:

  • Herz/Kreislauf: Parkinson-Patienten neigen zu einer verminderten Herzfrequenz-Variabilität. Dies erhöht die Arrhythmiegefahr. Bei submaximaler Belastung konnten Reuter und Engelhardt jedoch kein erhöhtes Risiko für Arrhythmien feststellen.
  • Blutdruck: Eine orthostatische Hypotension tritt vor allem bei starken Akinesen und Rigor auf. Bei jedem zehnten Patienten tritt eine belastungsabhängige Hypotonie auf. Dann sollte ein abrupter Belastungsabbruch vermieden und ein Abkühlprogramm praktiziert werden. Außerdem ist auf ausreichend Flüssigkeitsersatz zu achten.
  • Atmung: Etwa 40 Prozent der Patienten klagen bei körperlicher Belastung über Dyspnoe. 65 Prozent der Patienten weisen eine anormale Lungenfunktion auf. Manche Patienten sind nicht in der Lage, Atmung und Bewegung zu koordinieren. Reuter und Engelhardt raten zu einem spezifischen Atemtraining mindestens drei- bis viermal pro Woche. Die verbesserte inspiratorische Kraft mindere das Gefühl der Dyspnoe.
  • Thermoregulation: Bis zu 50 Prozent der Parkinson-Patienten leiden unter verminderter Hitzetoleranz. An sehr heißen Tagen sollten sie daher keinen Sport treiben und direkte Sonneneinstrahlung meiden. Große Kälte verstärkt den Rigor und kann heftiges Kältezittern hervorrufen.
  • Begleiterkrankungen: Da die meisten Parkinson-Patienten über 50 Jahre alt sind, haben sie oft auch kardiovaskuläre und metabolische Erkrankungen. Reuter und Engelhardt empfehlen daher vor Aufnahme eines Trainings ein Ruhe- und Belastungs-EKG, ein Herzechokardiografie, einen Lungenfunktionstest, die Prüfung des Blutdrucks sowie die Klärung einer Orthostasereaktion am Kipptisch.

STICHWORT

Krankheitsstadien nach Hoehn und Yahr

Mit der Hoehn-Yahr-Skala werden fünf Stadien bei Morbus Parkinson unterschieden:

Stadium I: Einseitige Symptomatik, keine oder nur geringe Beeinträchtigung.

Stadium II: Die Patienten haben eine beidseitige Symptomatik; es liegt aber noch keine Haltungsinstabilität vor.

Stadium III: Mäßige Behinderung mit leichter Haltungsinstabilität.

Stadium IV: Vollbild bei Morbus Parkinson mit starker Behinderung; die Patienten können aber noch ohne Hilfe gehen und stehen.

Stadium V: Patienten sind an Rollstuhl oder Bett gebunden und auf die Hilfe Dritter angewiesen. (skh)

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