Ärzte Zeitung, 11.10.2010
 

Ein Rausch pro Monat - für Schüler völlig normal

Jeder zweite 15-Jährige betrinkt sich mindestens einmal pro Monat.

Einen Rausch pro Monat - für Schüler völlig normal

Erschreckend: Saufen ist offenbar bei Jugendlichen weit verbreitet, wie eine neue DAK-Studie ergeben hat.

© Piotr Marcinski / fotolia.com

HAMBURG (eb). Sich einmal pro Monat richtig zu betrinken - das ist für viele Jugendliche inzwischen völlig normal, hat eine bundesweite Befragung der Krankenkasse DAK bei mehr als 4000 Jungen und Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren ergeben. So betrinken sich 43 Prozent der befragten Schüler mindestens einmal monatlich, ein Drittel dieser Schüler sogar dreimal oder öfter pro Monat, teilt die DAK mit. Bei diesem Rauschtrinken konsumieren die Jugendlichen mindestens fünf Gläser Bier, Schnaps oder Mixgetränke.

Von den 15-Jährigen bekennt sich jeder zweite zum monatlichen Rauschtrinken, obwohl diese Altersgruppe laut Jugendschutzgesetz noch gar keinen Alkohol konsumieren dürfte. Ab 16 Jahren steigt der Anteil der Rauschtrinker auf mehr als 60 Prozent.

Das Einstiegsalter liegt häufig bei zwölf Jahren. Bis zum 13. Lebensjahr haben mehr als die Hälfte der Jungen und Mädchen schon einmal Alkohol getrunken. 37 Prozent aller Befragten greifen mindestens einmal pro Woche zu Bier oder Wein. Während die Mädchen meistens Mixgetränke wählen, greifen die Jungen öfters zum Bier. Zehn Prozent der zwölfjährigen Jungen geben an, dass sie bereits wöchentlich trinken.

"Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass Alkohol schon bei vielen jungen Schülern zum Alltag gehört", so Dr. Cornelius Erbe von der DAK.

Die Schule sei deshalb neben der Familie der beste Ort, um mit einer frühzeitigen Suchtprävention zu beginnen. Ziel sei die Alkoholabstinenz bei den unter 16-Jährigen. Bei den älteren Jugendlichen gehe es vor allem um den bewussten und selbstbestimmten Umgang mit Alkohol.

Je nach Schulform unterscheidet sich der Alkoholkonsum. An Haupt-, Real- und Regionalen Schulen gibt jeder vierte Schüler an, regelmäßig zu trinken. Bei den Gymnasiasten ist es jeder Dritte. "Ein Risikofaktor dafür ist offenbar der erlebte Schulstress", berichtet Projektmanagerin Silke Rupprecht von der Leuphana Universität Lüneburg, die die Befragung im Auftrag der DAK vorgenommen hat.

An Gymnasien geben 46 Prozent der regelmäßigen Alkoholkonsumenten an, dass sie unter einem "hohen Leistungsdruck" stehen. Bei den anderen Schulformen bestehe dieser Zusammenhang nicht. Auch andere Schulvariablen beeinflussen das Konsumverhalten: Jungen und Mädchen, die mit ihren eigenen Schulleistungen unzufrieden sind oder keine Lust auf Schule haben, trinken deutlich öfter Alkohol.

Gemeinsam mit anderen Experten empfehlen DAK und Leuphana Universität, im Schulunterricht den Alkoholmissbrauch mit folgenden Zielen zu thematisieren:

  • Jugendliche befähigen, ihren Alkoholkonsum so zu steuern, dass sie sich und anderen keinen Schaden zufügen.
  • Charakterstärke entwickeln, um dem Gruppendruck zu widerstehen.
  • Kompetenzen der Schüler für eine Veränderung ihrer Lebensbedingungen stärken.

Die aktuelle Alkohol-Studie entstand im Rahmen der DAK-Initiative "Gemeinsam gesunde Schule entwickeln". Dabei begleitet und berät die Leuphana Universität Lüneburg für die Krankenkasse bundesweit 30 Schulen, die sich für das dreijährige Projekt beworben haben. Die Gesundheitsziele werden von jeder Schule individuell festgelegt. Grundlage ist eine umfassende Befragung von Schülern, Lehrern und Eltern zum Schulalltag und Schulklima.

[12.10.2010, 14:53:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Jugendlicher Alkoholkonsum - keine einfachen Erklärungen!
Dass Bier- und Weintrinken zum Alltagsgeschäft gehört, belegen wir Erwachsenen durch unser (hoffentlich nicht immer) tägliches Tun selbst. Aber wie sollen denn die in der Studie der Leuphana Universität Lüneburg befragten Kinder und Jugendlichen von 10-18 Jahren agieren, wenn die "erwachsenen Vorbilder" versagen:

1. Bei den männlichen GKV-Versicherten von 30-50 Jahren sind bis zu 80% der stationären Krankenhauseinweisungen durch alkoholbedingte Krankheiten mit verursacht.
2. Jede Wochenende haben wir weit über 2 Millionen Erwachsener, die fußballbedingt feiern, sich betrinken und nicht nur als marodierende Fans z. T. volltrunken durch die Stadien ihrem Verein hinterher reisen.
3. In der Politik (z. B. Bundeswirtschaftswirtschaftsminister Brüderle), in der Öffentlichkeit (Saufen bis der Arzt kommt) und in den Familien wird der Alkoholkonsum bagatellisiert.
4. In der Werbung wird immer jüngeres Zielpublikum angesprochen: Alkohol (auch Alcopops!) als Lebensbegleiter, Tröster, Konfliktlöser, Spaßmacher, Aufmunterer, Partykracher.

Die Endstrecke will wie beim raucherbedingten Bronchialkarzinom niemand sehen: Alkoholdelir, Korsakow-Demenz, Leberzirrhose und Verbluten an Ösophagusvarizen.

Die Projektmanagerin der Leuphana Universität macht allerdings einen systematischen Annahmefehler: Wenn an Hauptschulen weniger Schüler Alkohol trinken als an den Gymnasien, kann es auch daran liegen, dass viele der jüngsten 10 -jährigen Befragten noch gar nicht den Wechsel zum Gymnasium erreicht haben. Der subjektiv sicher authentisch empfundene Schulstress ist eine zu vordergründige Erklärung für ein gesamtgesellschaftliches Problem. Umso vorbildlicher ist die an 30 Schulen vorgesehene dreijährige Projektarbeit zur Prävention von Alkoholmissbrauch zu bewerten. Denn das bestehende Alkoholverkaufsverbot an Kinder und Jugendliche ist zwar justiziabel, aber Minderjährige bedienen sich zu leicht an den elterlichen Vorräten zu Hause oder besorgen sich "den Stoff" über Dritte.

Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund
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