Ärzte Zeitung online, 14.11.2017
 

Alkoholismus

Zu viel Bier bringt den Elektrolythaushalt durcheinander

Bei Alkoholikern in der Notaufnahme ist eine routinemäßige Überprüfung der Elektrolyte sinnvoll: Jeder Zwanzigste von ihnen hat eine Hyponatriämie – nicht selten ist dafür der übermäßige Konsum von Bier die Ursache.

Von Thomas Müller

Übermäßiger Bierkonsum: Ein Grund für Hyponatriämie

Ein Kasten Bier am Tag ist für den Elektrolythaushalt wenig vorteilhaft.

© Daniel Karmann / dpa

GRAND RAPIDS. Wer täglich einen Kasten Bier trinkt, braucht keine feste Nahrung, um seinen Kalorienbedarf zu decken. Für den Elektrolythaushalt ist eine solche Biermenge jedoch wenig vorteilhaft: Als Folge kann eine schwere Hyponatriämie auftreten.

Vor allem ältere Menschen mit lang anhaltender Mangelernährung sind gefährdet, schreiben Forscher um Dr. Lindsey Ouellette von der Michigan State University in Grand Rapids (Medicine 2017, online 26. Oktober).

Die Wissenschaftler haben Krankenakten zu knapp 3000 Menschen über 65 Jahren ausgewertet, die im Laufe von sechs Jahren an zwei Kliniken aufgrund von Alkoholismus- bedingten Problemen die Notaufnahme aufgesucht hatten.

Bei allen waren umfangreiche Laboranalysen vorgenommen worden. Von einer Hyponatriämie wurde bei Werten unter 135 mmol/l ausgegangen. Diese Kriterien erfüllten 4,5 Prozent der Patienten. Bei 38 Patienten (1,3 Prozent) stellten die Ärzte sogar eine schwere Hyponatriämie (unter 125 mmol/l) fest, der niedrigste Wert betrug 104 mmol/l.

Mehr als fünf Liter Bier am Tag

15 von ihnen konnte eine ausgeprägte Sucht nach Bier attestiert werden – sie konsumierten jeden Tag mehr als fünf Liter des alkoholischen Getränks. Bei den anderen lagen eine Hypovolämie, eine Mangelernährung oder eine ungenügende Ausschüttung von antidiuretischem Hormon vor.

Elf der Patiente, die süchtig nach Bier waren, zeigten eine ausgeprägte körperliche Schwäche, acht einen veränderten Geisteszustand, sieben Gangstörungen, sechs Kopfschmerzen und periphere Ödeme, bei drei beobachteten die Ärzte Krampfanfälle.

Typisch für die Patienten waren vorangegangene Binge-Drinking-Episoden sowie eine Erkrankung mit Durchfall und Erbrechen. Letztere hatte offenbar einen rapiden Abfall der Natriumserumwerte begünstigt.

Diese betrugen bei den süchtigen Patienten im Mittel nur noch 112 mmol/l. In der Regel waren auch die Kalium- und Harnstoffserumwerte im Keller, ebenso die Plasmaosmolarität.

Jeder Sechste stirbt an den Folgen

Die Patienten wurden in der Regel mit Salzlösungen, Flüssigkeitseinschränkungen, Diuretika und gelegentlich Desmopressin behandelt. Nach 48 Stunden waren die Natriumwerte im Schnitt um 13,3 mmol/l gestiegen, nach fünf Tagen lagen sie im Normbereich.

Die Ärzte um Ouellette plädieren jedoch für eine umsichtige Behandlung; ein zu rascher Anstieg der Natriumwerte könne ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom (ODS) auslösen, das sich in der Regel erst zwei bis acht Tage nach Therapiebeginn bemerkbar mache.

So sollten die Natriumserumwerte in den ersten 24 Stunden um etwa 6–8 mmol/l ansteigen, in 48 Stunden um 12–14 mmol/l und nach 72 Stunden um 14–16 mmol/l. Bei keinem Patienten wurde ein ODS beobachtet.

Die Ärzte weisen darauf hin, dass eine schwere Hyponatriämie infolge einer Sucht nach Bier ein kritischer Zustand ist. Nach Literaturangaben kommt es bei mehr als einem Drittel zu Komplikationen, rund jeder Sechste stirbt an den Folgen.

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