Ärzte Zeitung App, 02.12.2013

Behandlung im Heim

Schmerztherapie leidet bei Demenz

Bekommen demente Patienten in Pflegeheimen bei Schmerzen seltener Analgetika als Bewohner ohne Demenz? Eine Studie aus Frankreich deutet dies an: Hier erhielten nur 66 Prozent der Demenzkranken trotz Schmerzäußerungen ein Schmerzmittel.

Von Elke Oberhofer

Schmerztherapie leidet bei Demenz

Hat die alte Dame Schmerzen? Demenzkranke können sich zu ihren Leiden oft nicht mehr verbal äußern.

© imagebroker / imago

TOULOUSE. Die Versorgung von demenzkranken Pflegeheimpatienten mit Analgetika haben französische Forscher untersucht. Dazu wurden Daten von 6275 Pflegebedürftigen aus 175 Einrichtungen im Südwesten Frankreichs analysiert (PAIN 2013; 154: 2427).

Das Durchschnittsalter der überwiegend weiblichen Bewohner lag bei 82 Jahren. Etwa die Hälfte war laut Personal dement (Angaben zum Schweregrad fehlen). 674 Demenzpatienten litten unter Schmerzen; davon erhielten jedoch nur 65,8 Prozent ein Analgetikum. Ein dokumentiertes Schmerz-Assessment lag nur für etwa 9 Prozent aller Bewohner vor.

Die Pflegerinnen hatten die Klagen ihrer dementen Schützlinge wohl wahrgenommen; dennoch waren sie bei diesen offenbar besonders zurückhaltend mit schmerzlindernden Medikamenten wie Opioiden oder Paracetamol.

So erhielten die demenzkranken Bewohner signifikant weniger Analgetika als Senioren ohne Demenz (42,3 gegenüber 52 Prozent).

An Medikamenten für die Psyche hatte man dagegen nicht gespart: Patienten mit Demenz schluckten sogar häufiger als ihre geistig fitteren Mitbewohner Antidepressiva (45 vs. 41,5 Prozent), Anxiolytika (46,1 vs. 43,3 Prozent) und Antipsychotika (, und 28,2 vs. 20,1 Prozent).

Was überrascht: Hypnotika oder Sedativa wurden bei Demenz deutlich seltener verabreicht (24,9 vs. 30,3 Prozent).

Dafür, dass die Daten nicht durch Einflüsse wie Multimorbidität und die bei Demenzkranken besonders häufige Polypharmazie verzerrt waren, hatten die Autoren um den Geriater Philipe de Souto Barreto aus Toulouse gesorgt.

Das Ergebnis - eine klare negative Assoziation zwischen Demenz und Schmerzmitteleinsatz - blieb auch nach mehreren Sensitivitätsanalysen im Trend gleich.

Das Problem bei Demenzpatienten ist, dass sie ihre Leiden oft nicht verbal äußern können. Wenn solche Patienten ohne ersichtlichen Grund agitiert sind, aggressives oder auch sozial unangemessenes Verhalten an den Tag legen, können Schmerzen dahinter stecken, warnen die Geriater.

Auch in Deutschland Hinweise auf Probleme

Die Studie offenbart den Forschern zufolge zweierlei: Erstens, dass bei Demenzpatienten grundsätzlich seltener zu Schmerzmitteln gegriffen wird, und zwar auch dann, wenn das Personal dem Patienten anmerkt, dass er leidet.

Zweitens, dass es beim Schmerz-Assessment in Pflegeheimen deutlich hapert und selbst Patienten, die analgetisch behandelt werden, kein regelmäßiges Monitoring erhalten.

Als Ursache für die Versorgungsmängel vermuten die Forscher unter anderem Kommunikationsdefizite zwischen Arzt und Heimpersonal. Zudem sei auch unter Pflegekräften die Ansicht weitverbreitet, Schmerzen im Alter gehörten dazu, sie seien eine "natürliche Konsequenz des Alterungsprozesses".

Ob sich die Ergebnisse der französischen Studie auf deutsche Verhältnisse übertragen lassen, sei dahingestellt.

Autoren aus Münster schätzen, dass bis zu 70 Prozent der Pflegeheimbewohner mit schweren kognitiven Einschränkungen unter Schmerzen leiden (European Journal of Pain 2011, 16: 439).

Eine weitere Studie, in der die Angemessenheit der Schmerzmedikation in deutschen Pflegeeinrichtungen analysiert wurde, kam zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der Betroffenen unzureichend analgetisch versorgt waren (Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2012, 45: 505).

Deutsche Experten empfehlen zur Beurteilung von Schmerzen bei Demenz den BESD-Fragebogen. Damit werden auch indirekte Schmerzhinweise wie auffällige Atmung, lange Phasen von Hyperventilation, ein grimassierender Gesichtsausdruck oder geballte Fäuste erfasst.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Stumme Schreie von Demenzkranken

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