Ärzte Zeitung, 17.10.2014

Testergebnisse

Chronischer Schmerz trübt den Zahlensinn

Die Verwendung visueller Analog- und numerischer Bewertungsskalen setzt ein gewisses Zahlenverständnis voraus. Chronischer Schmerz scheint dies zu beeinträchtigen.

LONDON. Chronische Schmerzen gehen mit strukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn einher, die unter anderem auch den präfrontalen und parietalen Kortex betreffen. Beide Rindenareale werden mit dem Zahlensinn in Verbindung gebracht, also der intuitiven Fähigkeit, Zahlen zu verstehen und mit Größen und Proportionen umzugehen.

Wer dauerhaft unter Schmerzen leidet, kann daher möglicherweise schlechter mit Zahlen hantieren. Genau darauf deuten nun auch Untersuchungen hin, die britische Schmerzspezialisten bei Patienten durchgeführt haben.

Patienten mit chronischen Schmerzen neigen offenbar dazu, ihre Schmerzen auf einer numerischen Bewertungsskala (NRS) von 0-10 höher zu bewerten als Patienten mit Akutschmerz.

Das ergab der Vergleich der NRS-Werte von 203 chronischen und 122 akuten Schmerzpatienten, die ihre Schmerzen in einer verbalen Bewertungsskala alle als mittelstark oder stark beschrieben hatten (Br J Anaesth 2014, online 31. Juli).

Eine mögliche Erklärung für diese Hochstufung lieferte ein Experiment mit weiteren 150 Probanden: Auf einer Gerade, deren Enden mit 0 und 100 markiert waren, mussten sie die ungefähre Lage bestimmter Zahlen markieren. Patienten mit chronischen Schmerzen (n = 50) lagen öfter und stärker daneben als Patienten mit Akutschmerz (n = 50) oder Gesunde.

Dass dies einem verminderten Zahlengefühl und nicht einer motorischen Störung geschuldet war, zeigte sich bei einem weiteren Test. Diesmal waren auf der Geraden bestimmte Punkte markiert, und die Probanden mussten die zugehörigen Zahlen schätzen.

Drittes Experiment bestätigt Erfahrung

Auch hier schnitten Patienten mit chronischen Schmerzen am schlechtesten ab. Bei beiden Tests lag jeder dritte chronische, aber nur jeder zehnte akute Schmerzpatient mit seiner Schätzung mehr als zwei Standardabweichungen vom Mittelwert der Kontrollen entfernt.

Hinweise auf Schaltkreise im präfrontalen und parietalen Kortex als Ausgangspunkt dieser Beeinträchtigung ergaben sich aus einem dritten Experiment, bei dem die Probanden die Mitte einer Gerade markieren sollten.

Bei gesunden Kontrollpersonen bestätigte sich die Erfahrung, dass sie den Mittelpunkt eher in Richtung des Endes mit der höheren Zahl verlegen - unabhängig davon, ob sie links oder rechts steht. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen war eine entsprechende Abweichung nur festzustellen, wenn die höhere Zahl rechts notiert war.

Laut den Studienautoren um Joshua Wolrich vom Imperial College London ähnelt dieses Phänomen, in abgeschwächter Form, den linksseitigen Neglect-Symptomen bei Patienten mit rechtshemisphärischem parietalem Infarkt; sie sprechen daher von einem "schmerzassoziierten Neglect-artigen Symptom".

Dass bei einem Drittel der Patienten mit chronischen Schmerzen der Zahlensinn getrübt sei, wecke "Zweifel an der Eignung visueller Analogskalen und numerischer Bewertungsskalen", schreiben Wolrich und Kollegen.

"Diese Instrumente sollten in dieser Patientengruppe mit Vorsicht angewendet werden." Als Alternative schlagen sie verbale Bewertungsskalen vor. (bs)

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