Ärzte Zeitung online, 15.03.2017
 

Kniearthrose

Nutzen der "Kortisonspritze" bleibt unklar

Kortikosteroidinjektionen ins Knie wirken nur bei jedem achten Arthrosepatienten, der Effekt ist allenfalls mäßig und hält nur kurze Zeit vor.

BERN. Ob die "Kortisonspritze" ins Knie bei Patienten mit Arthrosebeschwerden sinnvoll ist oder nicht, ist international umstritten. In den aktuell gültigen Leitlinien der OARSI (Osteoarthritis Research Society International) wird die intraartikuläre Injektion von Kortikosteroiden ohne weitere Einschränkungen als "geeignete" Therapie bei Gonarthrose bezeichnet. Die Autoren der 2014 publizierten Empfehlungen bezeichnen die zugrundeliegende Datenlage als "gut".

Dagegen raten die Leitlinienautoren des American College of Rheumatology nur "bedingt" zu Steroidinjektionen ins Knie. Das britische NICE-Institut empfiehlt die intraartikuläre Therapie allenfalls als Ergänzung zur Kernbehandlung. Und die Academy of Orthopaedic Surgeons enthält sich aufgrund der unzureichenden Evidenz gänzlich jedes Votums.

Dem heiklen Thema widmet sich nun ein kanadisch-schweizerisches Forscherteam: Die Autoren um Bruno da Costa von der Universität Bern stellen die Empfehlungen der Fachgesellschaften den Ergebnissen eines Cochrane-Reviews aus dem Jahr 2015 gegenüber und kommen zu dem Ergebnis, dass der kurz- bis mittelfristige Nutzen der intraartikulären Kortikosteroidtherapie bei Kniearthrose nicht hinreichend belegt sei (JAMA 2016; 316 (24): 2671–2672).

In der Cochrane-Analyse war die Injektionstherapie zwar mit einer stärkeren Schmerzreduktion verbunden, als dies in einer Kontrollgruppe der Fall war, die entweder eine Scheintherapie oder gar keine Behandlung erhalten hatte. Die mittlere Standardabweichung (SMD) lag bei 0,40; dies entspricht auf einer 10 cm-Schmerz-Skala (visuelle Analogskala, VAS) einer Verbesserung um einen Zentimeter. Wie die Autoren betonen, profitierte nur jeder achte Patient von der Spritze ins Knie, und wenn, dann nur mit einer mäßigen Schmerzlinderung und einer allenfalls geringfügigen Verbesserung der Funktion.

Der Effekt der Spritze hielt zudem, so Ergebnisse der Nachbeobachtung, nur über einen sehr begrenzten Zeitraum an: Während ein bis zwei Wochen nach der Behandlung noch eine Standardabweichung auf der VAS von -0,48 gegenüber den Kontrollpatienten gemessen wurde, war nach sechs Monaten fast gar kein Nutzen mehr zu sehen (SMD -0,07). Die Effektstärke nahm mit Länge der Beobachtungszeit kontinuierlich ab. Mögliche Nebenwirkungen der intraartikulären Therapie konnten in der Metaanalyse nicht ausgeschlossen werden.

Die Forscher hatten lediglich drei Studien ausfindig gemacht, in denen die Patientenzahl in den einzelnen Subgruppen über 50 lag. In diesen war der Nutzen der Steroidtherapie noch geringer ausgeprägt als im gesamten Kollektiv. Nur eine der größeren Studien wies ein qualitativ hochwertiges Design mit adäquater Verblindung und Intention-to-treat-Analyse auf. Die Injektionen wurden ordnungsgemäß per Ultraschall kontrolliert und die Vergleichsgruppe erhielt Scheininjektionen. Nach da Costa und Kollegen fand sich in dieser Studie keinerlei Hinweis auf einen klinischen Effekt, weder nach zwei Wochen noch nach drei Monaten oder nach einem halben Jahr.

Die Qualität der Studien bezeichnen die Autoren insgesamt als "niedrig". Hinzu kämen die erhebliche Heterogenität und der offenbar deutliche Einfluss sehr kleiner Studien.

Gefordert sind nun Studien mit ausreichenden Teilnehmerzahlen und adäquatem Design, so da Costa und seine Kollegen. Dazu gehörten eine Kontrollgruppe mit Scheininjektionen und Ultraschallkontrolle, um zu gewährleisten, dass die Injektion auch wirklich intraartikulär erfolgt. Solange solche Ergebnisse nicht vorlägen, so das Fazit der Autoren, könne man den kurz- bis mittelfristigen Nutzen der Kortikosteroidinjektionen zur Behandlung der Kniearthrose weder bestätigen noch verwerfen. (eo)

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