Ärzte Zeitung online, 10.10.2017

Nocebo-Effekt

Mehr Nebenwirkungen bei teurem Scheinpräparat?

"Teurere" Scheinpräparate verursachen offenbar stärkere Nebenwirkungen als "günstigere".

HAMBURG. Scheinmedikamente können bekannterweise nicht nur einen heilsamen Placebo-, sondern auch einen nachteiligen Nocebo-Effekt haben. Wie Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) berichten, verstärkt sich diese Wirkung, wenn Patienten glauben, es handele sich um ein teures Mittel (Science 2017; online 6. Oktober).

Für die Studie erhielten 49 Teilnehmer ein Scheinmedikament. Ihnen wurde gesagt, zu den Nebenwirkungen des Präparats zähle ein erhöhtes Schmerzempfinden. Eine Hälfte der Teilnehmer erhielt zudem die Information, das Mittel sei günstig, die anderen dachten, es sei teuer. Resultat: Jene Probanden, die von einem teuren Mittel ausgingen, verspürten mehr Schmerz als die übrigen.

Um die neuronalen Grundlagen zu klären, untersuchten die Forscher die Teilnehmer mit einer Form der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), die die aktivierten Hirnareale darstellte. Bei Erwartungseffekten sei das sogenannte modulierende Schmerzsystem von großer Bedeutung, erläutert Autorin Alexandra Tinnermann vom Institut für Systemische Neurowissenschaften des UKE in einer Mitteilung der Hochschule. Erwartungen, die im Frontalhirn entstehen, würden so die Verarbeitung von schmerzhaften Reizen in tieferen Regionen des Nervensystems beeinflussen.

"Die Ergebnisse zeigen, dass der Wert eines Medikaments zusätzlich zu den negativen Erwartungen das Schmerzempfinden beeinflussen kann", so Tinnermann. "Auch die Verarbeitung von Schmerzreizen im Rückenmark wird durch diese Faktoren verändert." (dpa)

Topics
Schlagworte
Schmerzen (3510)
Neurologie/Psychiatrie (9970)
Organisationen
UKE (804)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Resolution gegen DSGVO-Verunsicherung und Abmahn-Angst

Nach einer ersten Abmahnwelle in Bremen wächst bei Ärzten die Verunsicherung wegen der Datenschutzgrundverordnung. 60 Verbände und die KBV haben darauf nun reagiert. mehr »

Der kleine Unterschied ist größer als gedacht

Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen unterschiedlich, das ist bekannt. Die Gendermedizin deckt immer mehr die geschlechtsspezifischen Besonderheiten auf. mehr »

Neue Leitlinie stärkt medikamentöse ADHS-Therapie

In den neuen S3-Leitlinien zu ADHS wird die medikamentöse Therapie bei mittelschweren Symptomen gestärkt. Experten betonen aber, dass die Arzneien nur ein Teil eines umfassenden Therapiekonzepts sein dürfen. mehr »