Ärzte Zeitung online, 15.02.2017
 

Schmerzdauer

Mit fünf Faktoren zur Prognose

Australische Ärzte haben ein Prognose-Instrument entwickeln, das vorhersagen soll, wie lange Rückenschmerz andauert.

Mit fünf Faktoren zur Prognose

12 bis 33 Prozent der Menschen klagen jeden Tag über Rückenschmerzen.

© Adam Gregor / fotolia.com

SYDNEY.Rückenschmerzen im Lumbalbereich haben üblicherweise eine gute Prognose. Zwar konnten die in manchen Leitlinien angegebenen Erholungsraten von 90 Prozent binnen sechs Wochen in Studien nicht bestätigt werden. Dennoch darf die große Mehrheit der Patienten – etwa 70 Prozent – damit rechnen, in einem Jahr beschwerdefrei zu sein.

An jedem beliebigen Tag klagen zwischen 12 und 33 Prozent der Menschen über Kreuzschmerzen. Vor diesem Hintergrund, und weil ja auch kurzfristig etwas geschehen muss, hilft die Ein-Jahres-Prognose wenig. Ein australisches Ärzteteam um Tatiane da Silva von der Macquarie University in Sydney hat sich deshalb damit beschäftigt herauszufinden, welche Faktoren den Verlauf von akutem Kreuzschmerz bestimmen (Eur J Pain 2017, online 20. Januar).

Die dafür analysierten Daten stammten von 1070 Patienten mit akuten Kreuzschmerzen. Erhoben wurden sie eine Woche, nachdem die Patienten erstmals um medizinische Hilfe nachgesucht hatten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Probanden nicht beschwerdefrei.

Ziel der Analyse war es vorherzusagen, wie es eine Woche, einen Monat und drei Monate später um die Patienten und ihre Schmerzen bestellt sein würde. Drei Monate gelten üblicherweise als Zeitspanne, ab der Rückenschmerzen als chronisch bezeichnet werden.

Fünf Merkmale, jeweils dreifach gestuft, gaben schließlich den prognostischen Ausschlag:

- Dauer der aktuellen Schmerzepisode (7–14, 15–23, 24–56 Tage);

- Zahl vorangegangener Episoden (0–2, 3–8, 9–150);

- Depressionsscore (0–3, 4–6, 7–10, je höher, desto depressiver);

- Schmerzlinderung nach einer Woche (Besserung um 4 Punkte oder mehr, um 2–3, Besserung um 1 Punkt bzw. gleichbleibend bzw. Verschlechterung auf einer numerischen Rating-Skala);

- Schmerzintensität nach einer Woche (2–4, 5–7, 8–10 auf einer numerischen Rating-Skala).

Aus diesen Faktoren bildeten die Autoren ein Vorhersagewerkzeug, das es ermöglicht, die Wahrscheinlichkeit der Gesundung eine Woche, einen Monat und drei Monate später vorherzusagen.

Beispielsweise hätte ein Patient mit einer Dauer der akuten Episode von 7–14 Tagen, 0–2 früheren Episoden, einem Depressionsscore von 0–3, mäßig bis stark gelinderten Schmerzen nach einer Woche, die sich zudem im Bereich leichter Beschwerden befinden, eine Chance von 97 Prozent, dass seine Kreuzschmerzen innerhalb von drei Monaten verschwunden sind.

Für einen Patienten mit langer Episodendauer, vielen früheren Kreuzwehepisoden, einem hohen Depressionsscore, keiner Linderung und starken Schmerzen nach einer Woche beträgt die Chance auf Gesundung nach drei Monaten 30 Prozent. Analog, jedoch mit niedrigeren Wahrscheinlichkeitswerten, verläuft die Prognose für die erste Woche und den ersten Monat nach Erhebung der Parameter.

Das Modell erreichte in der C-Statistik einen Wert von 0,76, der für eine gute, wenn auch nicht starke Trennschärfe steht. Angaben zu Spezifität und Sensitivität machten die Autoren nicht, vorhergesagte und beobachtete Befunde stimmten aber recht gut überein.

Allerdings müsse das Modell extern validiert werden. Zudem sei in einer randomisierten und kontrollierten Studie zu klären, ob sich mit dem Vorhersagewerkzeug die Ergebnisse für die Patienten verbessern und Kosten senken ließen. (rb)

[15.02.2017, 11:17:14]
Thomas Georg Schätzler 
Populäre Irrtümer beim Rückenschmerz?
Der Satz in der "Ärzte Zeitung: "An jedem beliebigen Tag klagen zwischen 12 und 33 Prozent der Menschen über Kreuzschmerzen" gehört eigentlich in die nächste Auflage des "Lexikon der populären Irrtümer" des Dortmunder WISO-Statistikers Prof. Walter Krämer und Götz Trenkler.

Ein belastbarer Literaturhinweis findet sich aber nicht. Doch wenn es tatsächlich so wäre, dass "an jedem beliebigen Tag zwischen 12 und 33 Prozent der Menschen über Kreuzschmerzen" klagen, wären das bei 83 Millionen Einwohnern allein in Deutschland t ä g l i c h 9,96 Millionen bis 27,39 Millionen Rückenpatienten. Unter der Voraussetzung, dass die betroffenen Schmerzpatienten täglich wechseln, wären das bei 365 Tagen im Jahr etwa 3,6 bis knapp 10 Milliarden jährliche Rückenschmerz-Patienten?

Aber selbst wenn es immer dieselben Patienten mit Rückenschmerzen wären, hätten diese bedauernswerten Betroffenen in einem einzigen Jahr zwischen 3,6 bis knapp 10 Milliarden Mal Rückenschmerzen?

Wenn es heißt: "Rückenschmerzen im Lumbalbereich haben üblicherweise eine gute Prognose" wären das, rein statistisch gesehen, pure Wunderheilungen. Dann bräuchte man allerdings auch keine "fünf Merkmale, jeweils dreifach gestuft", für einen wie auch immer gearteten "prognostischen Ausschlag".

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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