Ärzte Zeitung, 14.12.2016
 

Mitochondrienersatz-Therapie

Bald erste Babys mit drei Eltern in Großbritannien?

Ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes, das in Großbritannien die Mitochondrienersatztherapie als Teil der künstlichen Befruchtung erlaubt, entscheidet sich, ob die zuständige Regulierungsbehörde HFEA ihre Zustimmung erteilt. Doch die Risiken des Verfahrens werden unterschätzt.

Von Peter Leiner

Bald erste Babys mit drei Eltern in Großbritannien?

In Deutschland könnten 1100 Patientinnen, die im mitoRegister des Deutschen Netzwerks für mitrochondriale Erkrankungen erfasst sind, von einer Mitochondreinersatz-Therapien profitieren.

© Dmytro Sukharevskyy / fotolia.com

Anfang vergangenen Jahres nahm alles seinen Lauf: Das britische Parlament stimmte für die Legalisierung der Mitochondrienersatztherapie, das entsprechende Gesetz trat im darauffolgenden Oktober in Kraft. Von dem Gesetz könnten etwa 2500 betroffene Frauen in Großbritannien profitieren (In Deutschland sind mehr als 1100 Patienten im mitoRegister erfasst).

An der Therapie interessierte Kliniken im Land sollten allerdings mit der Anwendung der neuen Behandlungsmethode für Patientinnen mit genetischen Anlagen für Mitochondriopathien wie dem Leigh-Syndrom (subakute nekrotisierende Enzephalomyelopathie) noch warten, bis ein neuer Report zur Sicherheit der Methode vorliegt.

"Vorsichtige Einbindung" der Methode

Jetzt hat sich eine von der britischen Behörde HFEA (Human Fertilisation and Embryology AUTHORity) einberufene Expertenkommission in einem nun vorliegenden 75-Seiten-Bericht die Empfehlung für die "vorsichtige" Einbindung dieser Methode in die Therapie bei betroffenen Frauen ausgesprochen.

Am 15. Dezember wird sich die HFEA mit den Empfehlungen auseinandersetzen und entscheiden, ob sie sie übernimmt. Sollte dies der Fall sein, können Kliniken in Großbritannien erstmals einen Antrag für eine Mitochondrienersatztherapie stellen, wenn sie denn die strengen Anforderungen der HFEA im Zusammenhang mit der Geräte- und Laborausstattung sowie der Ausbildung des Personals erfüllen.

Zwei Methoden zum Mitochondrien-Austausch

Es gibt zwei Möglichkeiten, die defekten Mitochondrien mit ihren jeweils nur 37 Genen in der Eizelle einer Frau mit genetischen Anlagen für eine Mitochondriopathie "auszutauschen". Im einen Fall wird der Zellkern in einem bestimmten Entwicklungsstadium der Eizelle entfernt und in eine zuvor entkernte Spendereizelle – mit "gesunden Mitochondrien" – übertragen (Spindelkerntransfer).

Danach erfolgt die Befruchtung per intrazytoplasmatischer Spermieninjektion. Im anderen Fall werden Empfänger- und Spendereizelle befruchtet und anschließend der Vorkern der "erkrankten" Eizelle in die zuvor befruchtete, aber entkernte Eizelle der Spenderin übertragen (Vorkerntransfer). Bisher gibt es nach Angaben der Experten keine experimentellen Hinweise, die für den Vorteil der einen gegenüber der anderen Methode sprächen.

Auswahl der Eispenderinnen wichtig

Eine vorsichtige Vorgehensweise, wie sie die HFEA jetzt anmahnt, ist tatsächlich angebracht: In einer aktuellen Publikation wird darüber berichtet, dass die Mitochondrien der Spenderin in In-vitro-Versuchen verlorengehen und die der "erkrankten" Empfängerin wieder überhandnehmen können, vor allem während der Differenzierung embryonaler Stammzellen etwa in Neuronen oder Kardiomyozyten (Nature 2016; 540: 270–275).

Die Wissenschaftler hatten menschliche Zygoten sich nach dem Mitochondrienersatz bis zum Blastozystenstadium (fünf bis sieben Tage alt) entwickeln lassen und daraus embryonale Stammzellen gewonnen. Die Forscher halten es aufgrund ihrer Versuche für möglich, dass Kinder, die nach dem Mitochondrienersatz geboren würden, dennoch mütterliche Mitochondrien mit dem Gendefekt in ihren Zellen tragen könnten.

Das lässt sich aber möglicherweise verhindern, wenn bei der Auswahl der Eispenderinnen darauf geachtet wird, dass die genetische Ausstattung ihrer Mitochondrien zu jener der Mitochondrien der Empfängerin passt (Haplotyp-Matching). Dies könnte verhindern, dass Zellen mit mütterlicher mitochondrialer DNA im Embryo einen Wachstumsvorteil haben.

Experten empfehlen Haplotyp-Matching

Zu dem Schluss, dass vor einem Mitochondrienaustausch ein Haplotyp-Matching sichergestellt sein sollte, kommt auch das Expertengremium, das sich unter anderem vom Leiter der Forschergruppe beraten ließ. Es empfiehlt darüber hinaus, dass mithilfe der PID (Präimplantationsdiagnostik) jene Embryonen für die Übertragung in die Gebärmutter ausgewählt werden sollten, die den geringsten Anteil an restlichen gendefekten mütterlichen Mitochondrien enthalten, um so die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass Mitochondrien mit mutierter DNA an die folgenden Generationen weitergegeben werden.

Wäre die neue Strategie gegen Mitochondriopathien unproblematisch, wenn die vorgeschlagenen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten würden? Sicher nicht, denn es kann eben noch immer nicht ausgeschlossen werden, dass ein Kind, das nach einer Mitochondrienersatztherapie geboren wird, nicht doch früher oder später an einer Mitochondriopathie erkrankt.

Behandlung ist mit Risiken verbunden

Wer kann dann die Verantwortung dafür übernehmen? Es wäre nicht fair, sie den Eltern – oder allein der Mutter – aufzubürden, weil man sie ja, wie vorgesehen, vor der Behandlung ausreichend über mögliche Risiken der Behandlung aufgeklärt hat.

Wenn man die bisherige regulatorische Entwicklung des Therapieverfahrens in Großbritannien betrachtet, ist davon auszugehen, dass sich die HFEA für die Umsetzung der Empfehlungen entscheidet. Ob sie eine Mitochondriopathie wie das LeighSyndrom oder eine Rhabdomyolyse bei den mit diesem Verfahren gezeugten Kindern zu 100 Prozent verhindern können, ist nicht sicher.

Sicher ist, dass jedes Kind, das trotz dieser Methode erkrankt, eines zu viel ist. Ein Grund mehr, auf weitere Forschungsergebnisse zu warten, bevor die Therapie angewandt wird.

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