Ärzte Zeitung, 28.07.2016
 

Trauma

Standard-CT oder gleich Ganzkörper-CT?

NIMWEGEN. Eine sofortige Ganzkörper-CT im Vergleich zur indikationsbezogenen Standard-abklärung per CT erhöht die Überlebenschancen Schwerverletzter nicht, hat eine randomisierte, kontrollierte Studie ergeben (Lancet 2016, online 28. Juni).

 An der Untersuchung (Randomised study of Early Assessment by CT scanning in Trauma patients-2, REACT-2) waren vier niederländische und ein Schweizer Traumazentrum beteiligt. Einbezogen waren 1403 verletzte Patienten, die mit beeinträchtigten Vitalparametern oder dem Verdacht auf lebensbedrohliche oder schwere Verletzungen in die Klinik eingeliefert worden waren. Sie wurden randomisiert entweder einer umgehenden Ganzkörper-CT-Diagnostik oder einer Standardabklärung mit einer CT zugeordnet.

Die Daten von 541 Patienten mit sofortigem Ganzkörper-CT und 542 Patienten mit Standard-CT konnten ausgewertet werden.Die Ganzkörper-CT führte zu einer insgesamt gesehen signifikant höheren Strahlenbelastung (20,9 vs. 20,6 mSv bei Standard-CT-Diagnostik). Andererseits verkürzte sie die Zeit bis zur Beendigung der bildgebenden Diagnostik und bis zur Diagnose lebensbedrohlicher Verletzungen (30 vs. 37 Minuten bzw. 50 vs. 58 Minuten).

 Die Mortalität während des stationären Aufenthaltes - primärer Endpunkt der Studie - lag jeweils bei 16 %.Auch die Sterblichkeitsziffern nach 24 Stunden und nach 30 Tagen unterschieden sich nicht. Die Ergebnisse zur Mortalität stehen im Widerspruch zu früheren Studien, die für bessere Überlebenschancen bei Ganzkörper-CT-Diagnostik gesprochen hatten.

 Allerdings hatte es sich dabei um retrospektive Studien und nicht um ein Design mit Randomsierung und Kontrollgruppe gehandelt, wie es in der nun vorliegenden Studie gegeben war.Tatsächlich lässt sich ein Teil des Widerspruchs mit den Studiendesigns erklären.

Während in der retrospektiven Betrachtung Patienten mit definiertem Verletzungsgrad nach der stattgehabten Diagnostik verglichen werden können, kann dieser Grad in einer randomisierten und kontrollierten Studie nur vermutet werden. Beispielsweise stellte sich in der holländisch-schweizerischen Studie heraus, dass 36 Prozent der scheinbar polytraumatisierten Patienten gar nicht polytraumatisiert waren.

 Es ist aber anzunehmen, dass gerade Patienten mit Polytrauma von einer Ganzkörper-CT profitieren würden. Zwar zeigten sich in der Subgruppe der Polytraumatisierten ebenfalls keine Mortalitätsdifferenzen. Jedoch bezog die Standard-CT-Diagnostik bei 46 Prozent der Patienten nach und nach alle Körperregionen ein und war damit am Ende der Ganzkörper-CT gleichzusetzen. Mögliche Vorteile der Ganzkörper-CT könnten dadurch verwischt worden sein. Es ist daher denkbar, dass ein allfälliger Nutzen der Ganzkörper-CT für schwerverletzte Patienten durch den Einfluss verzerrender Faktoren im statistischen Rauschen untergegangen ist. Freilich handelt es sich dabei um Faktoren, die sich zwar retrospektiv, nicht aber im klinischen Alltag eliminieren lassen. (rb)

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