Ärzte Zeitung online, 08.03.2017
 

Knochenheilung

Ultraschall bei Fraktur ohne Nutzen

Gepulster Ultraschall unterstützt die Knochenheilung eher nicht: In den wenigen hochwertigen Studien dazu konnten Patienten weder den betroffenen Knochen früher belasten, noch zeigte sich eine schnellere radiologische Heilung.

Von Thomas Müller

Ultraschall bei Fraktur ohne Nutzen

In Kanada verordnet rund jeder vierte Unfallchirurg eine niederenergetisch gepulste Beschallung zur Beschleunigung der Knochenheilung bei größeren Frakturen.

© zilli / iStock / Thinkstock

HAMILTON. Die Ultraschallbehandlung bei Frakturen und knochenchirurgischen Eingriffen ist sehr beliebt. In Kanada verordnet rund jeder vierte Unfallchirurg eine niederenergetisch gepulste Beschallung zur Beschleunigung der Knochenheilung bei größeren Frakturen, berichten Epidemiologen um Dr. Stefan Schandelmaier von der Universität in Hamilton (BMJ 2017; 356:j656). Obwohl die Therapie schon seit mehr als 20 Jahren zur Knochenheilung verwendet wird, ist die Evidenz für das Verfahren aber recht dünn: Frühere Metaanalysen kamen zu keinen klaren Schlussfolgerungen, was auch daran lag, dass in der Hälfte der Studien weniger als 30 Patienten behandelt worden waren.

Von einem anderen Kaliber war daher die 2016 veröffentlichte Studie TRUST (Trial to Re-evaluate Ultrasound in the Treatment of Tibial Fractures). Mit 501 Teilnehmern stellt sie die bislang größte randomisiert-kontrollierte Studie zu diesem Thema dar, konnte der Ultraschallbehandlung aber keinen Nutzen attestieren. Weder die radiologisch bestätigte Heilung noch die funktionelle Erholung bei Tibiafrakturen ließ sich damit im Vergleich zu einer Scheinbehandlung beschleunigen. Das Team um Schandelmaier nahm TRUST zum Anlass, die gesamte Literatur zur Ultraschalltherapie erneut zu evaluieren.

Insgesamt fanden die Forscher 23 randomisiert-kontrollierte Studien. In allen wurde das Verfahren gegen eine Scheinbeschallung oder gegen keine Ultraschalltherapie geprüft. Berücksichtigt haben die Epidemiologen Studien mit Frakturen aller Art und Lokalisation sowie Untersuchungen zu Patienten nach Osteotomie. Die meisten Studien (14) schlossen ausschließlich Patienten mit Schienbeinfrakturen oder -osteotomien ein. In fast allen kam die Ultraschalltherapie für 20 Minuten täglich zur Anwendung, häufig bis zur radiologischen Genesung. 60 Prozent nutzten ein Gerät zur Scheinbehandlung, das sich vom Therapiegerät äußerlich nicht unterschied. Nur drei der Studien waren nicht Industrie-unterstützt.

Lediglich sechs Studien erfüllten die Cochrane-Kriterien für ein geringes Verzerrungsrisiko.Gründe für die hohe Bias-Gefahr in den übrigen Studien waren eine unzureichende Verblindung von Patienten und auswertenden Ärzten, Unklarheiten bei der Randomisierung sowie ein hoher Anteil von Patienten, die von der Auswertung ausgeschlossen wurden. Schauten die Forscher, wie lange es dauerte, bis die Patienten wieder arbeiten konnten, dann benötigten die beschallten Gruppen sowohl in TRUST als auch in drei weiteren Studien tendenziell länger als die unbeschallten, der Unterschied war allerdings nicht signifikant.

Kein Unterschied bei den Schmerzen

TRUST ergab ebenfalls keine signifikanten Differenzen bei der Zeit bis zur vollen Belastbarkeit des betroffenen Knochens. Zwei weitere Studien mit geringem Bias-Risiko fanden eine nicht signifikante Verzögerung um rund fünf Prozent in den beschallten Gruppen, eine Studie mit hoher Biasgefahr kam hingegen zu einer 40 Prozentigen Beschleunigung der Belastungsfähigkeit mit Ultraschall.

In vier Studien wurden Schmerzen erfasst. Unterm Strich ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Auch hier zeigten drei Studien mit geringem Biasrisiko keinerlei Effekte auf die Schmerzen, eine Studie mit hoher Verzerrungswahrscheinlichkeit ergab aber eine Schmerzreduktion um fast ein Drittel im Vergleich zur Kontrollgruppe. Zehn Studien erfassten Folgeoperationen. Diese traten zwar unter der Ultraschalltherapie tendenziell etwas seltener auf, doch auch dieser Unterschied war über alle Untersuchungen gemittelt nicht statistisch signifikant.

Ein wichtiger Parameter in den meisten Studien war die Zeit bis zur radiologisch bestätigten Heilung. Über 17 Studien gemittelt, benötigten die Knochen unter Ultraschall etwa ein Viertel weniger Zeit. Wurden nur die qualitativ hochwertigen Studien berücksichtigt, zeigten sich jedoch auch in diesem Punkt keine belastbaren Unterschiede zwischen den Gruppen. Immerhin gab es unter der Ultraschallbehandlung nicht häufiger Nebenwirkungen.

Letztlich, so die Forscher, lässt sich relativ sicher sagen, dass der Ultraschall die Patienten weder schneller arbeitsfähig macht noch Folgeoperationen verhindert oder die radiologische Heilung beschleunigt. Auch werden Schmerzen nicht signifikant gelindert, und die Zeit bis zur vollen Belastbarkeit wird nicht verkürzt – für diese beiden Schlussfolgerungen sehen die Forscher auf Basis der wenigen qualitativ hochwertigen Studien sogar eine sehr gute Evidenz.

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