Ärzte Zeitung online, 09.01.2018

Hyperlordose

Magnetstäbe erlösten Patientin von Qualen bei Hohlkreuz

Wegen einer spastikbedingten Hyperlordose litt eine 28-jährige Studentin unter starken Schmerzen und war kaum mehr in der Lage zu sitzen. Ärzte halfen ihr mit Magnetstäben, die per Fernsteuerung schrittweise verlängert wurden.

Von Elke Oberhofer

Magnetstäbe erlösten Patientin von Qualen

Eine Hyperlordose der LWS verursacht oft starke Schmerzen.

© psdesign1 / Fotolia

MÜNCHEN. Gegen die zunehmende Hyperlordose der Lendenwirbelsäule halfen weder ein Stützkorsett noch Injektionen mit Botulinumtoxin: Die 28 Jahre alte Patientin, die an einer Zerebralparese litt, hatte im Laufe der letzten zwei bis drei Jahre immer stärkere Schmerzen entwickelt.

Im CT konnte man sehen, dass die Wirbelsäule bereits so weit nach vorne durchgebogen war, dass sie Magen, Dünndarm und Bauchgefäße gegen die vordere Bauchwand drückte. Dr. Christof Birkenmeier von der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München und sein Team maßen einen Lordosewinkel von 160°. Sitzen war unter diesen Umständen kaum mehr möglich.

Auf den ersten Blick erschien es naheliegend, die vergrößerten Bandscheiben in einem von anterior geführten Eingriff zu resezieren; dies hätte zu einer Verkürzung der Vorderseite der Wirbelsäule geführt. Von diesem Plan wichen Birkenmeier und Kollegen jedoch ab; sie fürchteten intraoperative Komplikationen.

Ein Zugang von posterior mit großzügiger Weichgewebsresektion und Mobilisierung der Wirbelsäule erschien ebenfalls nicht sehr vielversprechend; mit einem solchen Eingriff allein hätte man keine ausreichende Korrektur herbeiführen können (Eur Spine J 2017; online 22. November).

Idee aus Pädiatrie

Die orthopädischen Chirurgen entschieden sich für ein Verfahren, das in erster Linie in der pädiatrischen Wirbelsäulenchirurgie angewendet wird: den magnetischen Wirbelsäulenstab. Dabei handelt es sich um ein Distraktionssystem, welches normalerweise kleinen Skoliosepatienten implantiert wird, um während des Wachstums ein Fortschreiten der Wirbelsäulenverkrümmung zu verhindern.

Das System besteht neben dem Stab (der einen kleinen Magneten enthält) aus Fixationsteilen, mit denen er an der Wirbelsäule angebracht wird, und einer Fernsteuerung. Mit dieser lässt sich der Stab von außen durch Drehen des internen Magneten verlängern oder verkürzen.

Bei der 28-Jährigen wurden zwei Magnetstäbe verwendet. Für diese musste man zunächst eine "Aufhängung" aus Pedikel- und Darmbeinschrauben konstruieren. In Zuge dieses ersten Eingriffs, der von posterior erfolgte und bei dem das System implantiert wurde, gelang es bereits, den Lordosewinkel auf fast 90° zu verkleinern, indem man alle betroffenen lumbalen und lumbosakralen Facettengelenke durchtrennte, ebenso die Bänder zwischen den Dornfortsätzen und die Laminae.

Verlängerung alle zwei Wochen

In den folgenden drei Monaten nach der Op wurden die Stäbe insgesamt sechsmal über die Fernsteuerung verlängert, jedesmal bis zur maximalen Spannung der Drähte, die vom System durch ein hörbares Klicken angezeigt wurde. Alles in allem erreichte man dadurch eine Verlängerung um 16 mm auf der rechten und um 12 mm auf der linken Seite.

Da der Patientin nun zunehmend das Hüftgelenk Probleme machte, erhielt sie eine Release-Op und einen Rectus-Psoas-Transfer, um die Hüftgelenke aufzurichten. Nach weiteren Distraktionen war schließlich ein Lordosewinkel von 66° erreicht. Nachdem dieses Ziel erreicht war, wurde die Wirbelsäule von T9 bis zum Becken fusioniert.

In den darauffolgenden zwei Jahren nahm auch die Kyphose der BWS ab, und zwar von 36° auf 26°. Die Korrektur an der LWS blieb stabil. Im CT-Bild erschienen die Bandscheiben vom Volumen her deutlich reduziert, die Winkel hatten sich gebessert und die vordere Höhe des Annulus fibrosus hatte abgenommen.

Patientin kann wieder sitzen

Für die Patientin, so die Autoren, habe der Eingriff einen deutlichen Nutzen gebracht: Die Schmerzen im Bauchraum seien komplett verschwunden, sie könne nun ohne Beeinträchtigung sitzen, in begrenztem Maße sogar stehen und mithilfe einer Gehhilfe gehen.

"Wir sind der Meinung, dass das Konzept der langsamen, kontrollierten Distraktion auch bei Wirbelsäulendeformitäten des erwachsenen Patienten in Erwägung gezogen werden sollte", so die Experten. Das Verfahren sei zwar teuer und zeitaufwendig, aber weniger aggressiv und letztlich sogar effizienter als eine einzelne Korrektur-Op.

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