Tipps aus der Medizin, Pflege und Pharmazie
Wie sich die Adhärenz bei oraler Tumortherapie steigern lässt
Die Gründe, weshalb sich Patienten irgendwann nicht mehr an die Vorgaben zur Einnahme ihrer Medikamente halten, sind zahlreich. Bei einer oralen Tumortherapie kann dies jedoch kritisch werden. Wie sich die Adhärenz steigern lässt, war Thema beim DKK 2026.
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Die orale Tumortherapie füllt die Pillendöschen ungemein. Hinzu kommt meist noch Begleitmedikation. Die Menge der zu schluckenden Tabletten ist für viele Patientinnen und Patienten oft nicht einfach zu bewerkstelligen.
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Berlin. Einerseits bietet die orale Tumortherapie diverse Vorteile: Einmal für die Medizinerinnen und Mediziner, die Zeit und Ressourcen einsparen. Aber auch für die Patientinnen und Patienten, die so mehr Autonomie bekommen, ihren Alltag zu gestalten, was sich auf eine höhere Lebensqualität auswirkt.
Gleichzeitig erfordert das Behandlungsmodell ein weitaus höheres Maß an Vertrauen in die Patientinnen und Patienten, da sie die Medikamenteneinnahme selbst kontrollieren müssen. Aus eigener Erfahrung weiß Professorin Rachel Würstlein, Leitende Oberärztin im Brustzentrum der Onkologischen Tagesklinik der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), dass viele Personen, die sich für eine orale Tumortherapie entscheiden, Probleme damit haben, sich an die oft strengen Vorgaben zu halten. Bei ihrem Vortrag beim Deutschen Krebskongress 2026 geht sie näher darauf ein.
„Die orale Tumortherapie verlangt oft unterschiedliche Mengen eines Medikaments mehrmals am Tag. Jedoch ist die richtige Dosis zum richtigen Zeitpunkt dabei sehr wichtig“, spricht die Onkologin das Problem an – schon nach einer Woche seien einige Patientinnen und Patienten nicht mehr so adhärent wie gefordert.
Gründe für fehlende Adhärenz bei der oralen Tumortherapie
- Die Menge: Neben den Medikamenten der Tumortherapie nehmen viele der Betroffenen Begleitmedikation oder Arzneien für Komorbiditäten. Den Überblick zu behalten darüber, was für welches Leiden und mit welchem Grund einzunehmen ist, kann überfordern.
- Der Name: Eine Substanz kann unter diversen Namen erhältlich sein, was zusätzlich zu Verwirrung führt.
- Das Aussehen: Ähneln sich Medikamente bzw. deren Verpackungen, erschwert es dies, sich an die Einnahme zu erinnern.
- Die Alltagsorganisation: Das Medikament aus seiner Verpackung bzw. aus dem Blister zu bekommen, ist gerade für ältere und schwächere Personen nicht immer leicht. Eventuell muss hier ein ambulanter Pflegedienst eingeschaltet werden.
Kommunikation an erster Stelle
Wie lässt sich also die Adhärenz bei Patientinnen und Patienten, die sich für eine orale Tumortherapie entschieden haben, steigern? Dass durch eine orale Tumortherapie viel Zeit bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie dem Pflegepersonal eingespart wird, sei ja nur in Teilen richtig, revidiert Rachel Würstlein. Gerade zu Beginn verlange die Therapie ein viel höheres Maß an Kommunikation, um sicherzustellen, dass das Einnahmeschema auch vollständig verstanden wurde.
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Wichtig ist natürlich, auf einfache Formulierungen zu achten, keinen Fachjargon zu verwenden und eventuell mehrsprachige Informationsmaterialien anzubieten, ergänzt Kerstin Paradies von der Konferenz onkologischer Kranken- und Kinderkrankenpflege (KOK). „Wir müssen die Patienten und Patientinnen immer da abholen, wo sie sind.“ Ebenso können Angehörige hinzugezogen werden, um diese für die Unterstützung zu instruieren.
Laut Kerstin Paradies eignet sich auch die Teach-Back-Technik, um zu überprüfen, wo noch Wissenslücken bestehen. Dabei lässt man die Patienten bzw. den Patienten das Besprochene in ihren eigenen Worten wiederholen.
Hilfreiche Tools, die folgend Patientinnen und Patienten an die Hand gegeben werden können sind außerdem:
- Therapietagebücher
- Informationsbroschüren
- Apps (DiGA) zum Nebenwirkungsmanagement
- produktspezifische Apps
- produktspezifische Informationsmaterialien
- Patientenveranstaltungen
Unterstützung während des gesamten Therapiezeitraums
Gerade Hausärzte, die ihre Patienten meist schon seit Jahren begleiten und somit bereits über eine Vertrauensbasis verfügen, können diese bei der oralen Tumortherapie unterstützen, führt Würstlein weiter aus.
Während viele Patientinnen und Patienten mit der Frage in die Praxis kommen, was sie denn sonst noch nehmen könnten, eigne es sich, andersrum zu fragen, was sie denn derzeit schon nehmen und machen. „Probiotika sind zum Beispiel meist kontraindiziert“, erinnert Kerstin Bornemann, Apothekerin für onkologische und palliative Pharmazie sowie Psychoonkologin. Viele Patientinnen und Patienten würden jedoch aus Gewohnheit darauf zurückgreifen.
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Zudem kann eine Adhärenzoptimierung auch durch Prozessvereinfachungen wie Schlucktechniken erreicht werden. In der Sprechstunde ließe sich auch nochmal für mehr Selbstfürsorge sensibilisieren, ergänzt Bornemann. Regelmäßige Bewegung (vor welche Art der Bewegung geeignet sei) und ausreichende Flüssigkeitszufuhr erfordern immer wieder eine Erinnerung. Ebenso sollte die korrekte Einnahme der Medikamente gelobt und bekräftigt werden.
Rachel Würstlein räumt zum Schluss noch ein, dass es natürlich auch immer Patientinnen und Patienten geben wird, die sich mit der Autonomie der oralen Tumortherapie schwer tun werden. In diesem Fall könne ein Therapiewechsel die geeignetste Option sein.








