Ärzte Zeitung, 23.03.2011

Beckenbodenübungen schützen Schwangere nicht vor Inkontinenz

Eine Schwangerschaft erhöht das Risiko besonders einer Belastungsinkontinenz. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie bei Blasenschwäche ist Beckenbodentraining. Doch es den Frauen als Prävention zu empfehlen hat nach einer neuen Studie wenig Sinn.

Von Angela Speth

Beckenbodenübungen schützen Schwangere nicht vor Inkontinenz

Gymnastik ist für Schwangere sicher gut. Ob aber Beckenbodentraining einer Inkontinenz vorbeugt, ist fraglich.

© Artem Efimov / shutterstock.com

DÜSSELDORF. Nach einer Schwangerschaft ist mehr als die Hälfte der Frauen inkontinent. Währenddessen zur Vorbeugung Beckenbodengymnastik zu machen bringt aber offenbar nichts.

Bei Frauen nimmt die Häufigkeit der Harninkontinenz während der Schwangerschaft stark zu, wie eine australische Kohortenstudie bestätigt: Vorher waren 11 Prozent der rund 1500 Teilnehmerinnen inkontinent, danach 56 Prozent.

Mit 37 Prozent am häufigsten kam die Belastungsinkontinenz vor, an zweiter Stelle stand mit 13 Prozent die gemischte Inkontinenz, wogegen nur 6 Prozent der Frauen eine Dranginkontinenz hatten.

 Der größte Risikofaktor war eine bereits vor der Schwangerschaft bestehende Blasenschwäche: Das erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer Inkontinenz nach der Entbindung um das 3,6-fache, berichtete Professor Axel Haferkamp beim Uro Update in Düsseldorf.

Hatten die Frauen als Kind eine Enuresis, war ihr Risiko für eine postpartale Inkontinenz um das 2,4-fache gesteigert. Bei Übergewicht war es um das 2,3-fache erhöht, bei vorausgegangenen Fehlgeburten und Schwangerschaftabbrüchen um das 1,6-fache (Int Urogynecol J Pelvic Floor Dysfunct 2010; 21: 193).

Allerdings nütze es nichts, während der Schwangerschaft vorbeugend Beckenbodenübungen zu machen, berichtete der Urologe aus Frankfurt am Main. Das hat sich bei einer prospektiven britischen Studie herausgestellt (J Clin Nurs 2010; 19: 2777).

286 Schwangere waren einer Trainings- oder einer Kontrollgruppe zugeteilt worden. Während der 20. und 36. Schwangerschaftswoche und drei Monate post partum wurden Daten erhoben: Die Zahl der Inkontinenzepisoden und die Lebensqualität nach der Leicester Impact Scale unterschieden sich kaum.

[07.04.2011, 15:22:30]
Markus Martin 
Studienlage sehr uneindeutig
Sehr geehrte Frau Dr. Speth,

mit Interesse habe ich Ihren Beitrag „Beckenbodenübungen schützen Schwangere nicht vor Inkontinenz“ gelesen – möchte die darin präsentierten Zusammenfassungen so jedoch nicht unkommentiert stehen lassen.

Die Überschrift suggeriert eine Studienlage, die es so eindeutig nicht gibt. Es gibt recht viele unterschiedliche Ergebnisse hinsichtlich der Effektivität von präventivem Beckenboden-Training in der Schwangerschaft.
Um nur einige zu nennen, die zu einem positiven Ergebnis kamen:
CM Sampselle et al 1998, „Effect of Pelvic Muscle Exercise on Transient Incontinence During Pregnancy and After Birth“, Effect of pelvic muscle exercise on transient incontinence during pregnancy and after birth
und
Dinc et al 2009 in „Effect of pelvic floor muscle exercises in the treatment of urinary incontinence during pregnancy and the postpartum period“ Dinc A,
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19649552.
Auch die Meta-Analyse von Hay-Smith 2008, „Pelvic floor muscle training for prevention and treatment of urinary and faecal incontinence in antenatal and postnatal women“, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18843750 zeigte Wirkung auf.

Darüber hinaus geben Sie, resp. der von Ihnen zitierte Urologe, Professor Axel Haferkamp, mit seiner Interpretation der Studie von Mason et al 2010 sicher nicht die Meinung der Autoren wieder, wenn behauptet wird:
„Allerdings nütze es nichts, während der Schwangerschaft vorbeugend Beckenbodenübungen zu machen, berichtete der Urologe aus Frankfurt am Main. Das hat sich bei einer prospektiven britischen Studie herausgestellt (J Clin Nurs 2010; 19: 2777).“

In der Zusammenfassung der Studie heißt es, dass keine Signifikanz erkennbar war, aber auch: „… allerdings zeigt die Tendenz einen positiven Effekt“. Schließlich diskutieren die Autoren unter der Überschrift „Relevanz für die klinische Praxis“, dass auffällig viele Studienteilnehmerinnen ihr Training abgebrochen haben und resümieren, dass man „… Wege finden müsse, Frauen während der Schwangerschaft und postpartum in Beckenbodenmuskelübungen einzuweisen und zu motivieren diese zu praktizieren.“ Warum sollten Sie dies empfehlen, wenn sie der Meinung von Prof. Haferkamp wären?

Ihre Überschrift hat einen marktschreierischen touch, den Ihre Zeitung doch nicht nötig haben dürfte. Die genannte Studie lässt allenfalls die Aussage zu, dass der „präventive Effekt von Beckenbodenübungen während der Schwangerschaft hinsichtlich Inkontinenz weder belegt noch widerlegt ist“.
Ich halte diese Feinheit gerade deshalb für so wichtig, als die Zusammenfassung, die Ihr Artikel gibt bei vielen Urologen und Gynäkologen zu einem gefährlichen Schnellschuss führen kann. Immer noch viel zu häufig finden Frauen mit Kontinenzproblemen keine Ansprechpartner für Ihre Fragen und selten Unterstützung für Ihr Bestreben etwas eigenständig für ihre Gesundheit zu tun. Eine abfällige Bemerkung im Sinne von „das hilft sowieso nichts, das haben Studien gezeigt“, kann hier keimende Motivation schnell zerstören.

Markus Martin – Physiotherapeut, Vorstandsmitglied der Fachgruppe Urologie, Proktologie, Gynäkologie und Geburt im Berufsverband Physio Austria
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