Ärzte Zeitung, 12.05.2004
 

BUCHTIP

Eine Zeitreise zu genialen Genetikern und Technokraten

Der Medizinstudent ist 22 - und seine erste Begegnung mit dem Tod wird sich für immer in sein Gedächtnis eingraben: Die Augen einer moribunden Urämikerin - so der Ich-Erzähler - "schauten vielleicht schon in jene Zwischenwelt der Tibeter. Die Wesen in ihr haben einen mentalen Körper und weil sie sich nur von Düften ernähren, werden sie auch Duftesser genannt."

So beginnt Linus Geislers Roman "Duftesser" über die Geschichte eines Arztes. Es ist eine Zeitreise durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig eine medizinhistorische und medizinethische Abhandlung über Segen und Fluch der Moderne: Die bisweilen geisterhafte Gestalt der Hauptperson - man erfährt nur, daß sie im Wien der Nachkriegszeit Medizin studiert hat und es bis zum Professor bringt - ist dabei der dritte, oft unsichtbare Mann, der in erster Linie zuhört und beobachtet.

Die eigentlichen Helden aber (die die Medizin voranbringen) sind seine Kommilitonen Diderot, ein verfressener und versoffener, aber hochgenialer französischer Genetiker mit vielen medizinethischen Hintergedanken und Rod Jonson, der Technokrat und spätere Transplanteur von Lungen, Lebern, Nieren und Herzen in der eiskalten Hochhausatmosphäre der modernen USA.

Die medizinischen Zukunftsperspektiven, die sich dem Erzähler während seiner Zeitreise eröffnen, sind um so bedrohlicher, je weiter sich das 20. Jahrhundert seinem Ende zuneigt. Natürlich kommt auch seine eigene Beziehungslosigkeit ins Spiel; denn nach dem medizinisch nicht erklärbaren Tod seiner Frau kommt sein erschüttertes Weltbild immer mehr ins Wanken.

Als es sich schließlich in Trümmern auflöst, verschwindet der Erzähler von der Bildfläche und hinterläßt eine Schar früherer Schüler und Bewunderer, von denen einer schließlich die Aufgabe übernimmt, die "Aufzeichnungen" herauszugeben - übrigens mit einer Rahmenhandlung, die den Leser zunächst an eine Geschichte von Edgar Allen Poe oder an einen Roman von Paul Auster denken läßt.

Linus Geisler, bis 1999 Chefarzt der Medizinischen Klinik am St. Barbara-Hospital Gladbeck und unter anderem Sachverständiger der Enquete-Kommission "Ethik und Recht in der modernen Medizin", wird bei der Abfassung seines Romans aus der Fülle seiner eigenen Erfahrungen geschöpft haben.

Von der Sprache her ist ihm ein kleines Meisterwerk gelungen; denn die Farbigkeit seiner Schilderung mit ihrer endlosen Fülle von Adjektiven gewährt der Phantasie des Lesers freien Lauf - und versetzt ihn in ein wohltemperiertes Lesefieber - vor allem im ersten und im letzten Teil des Buchs.

Strukturell hat man als Leser leider bisweilen, vor allem im mittleren Teil, Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden: Hier wäre weniger sicher an mancher Stelle mehr gewesen.

Dennoch: Wer sich mit den Problemen der modernen Medizin vertraut machen will und wen es dabei gleichzeitig nach einer äußerst spannenden Lektüre verlangt, der ist mit Linus Geislers "Duftesser" bestens bedient. Friedrich Hofmann

Linus Geisler: "Duftesser", Verlag Mein Buch, Hamburg, 28 Euro, ISBN: 3936128944.

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