Ärzte Zeitung, 28.06.2004

Bayerns König Ludwig II. war nicht geisteskrank

Nach neuem Quellenstudium diagnostiziert der Psychiater Professor Heinz Häfner: Der Märchenkönig war bausüchtig

Zwanghafter Bauherr: König Ludwig II. (1845 bis 1886) baute Märchenschlösser wie Schloß Neuschwanstein. Fotos dpa

NEU-ISENBURG (ug). Als "Mad King Ludwig" kennt ihn die Welt, als selbstverliebten Märchenkönig, als geheimnisumwitterte Kultfigur: Wie verrückt war der bayerische König Ludwig II. (1845 bis 1886) wirklich? War er wahnsinnig, wie seine Regierung behauptete, als sie ihn absetzte? War er ein krankhafter Egomane, litt er an Schizophrenie, an den Spätfolgen einer Syphilis? Oder war er nur ein Unverstandener?

König Ludwig II. (1845 bis 1886)

Nun ist der Bayernkönig wieder ein Fall für den Psychiater geworden: Professor Heinz Häfner von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hat den "Fall Ludwig" noch einmal aufgerollt - mit überraschenden Ergebnissen.

Häfner, Gründer und langjähriger Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, hat Material aus bisher unveröffentlichten Quellen, Landtagsstenogrammen und Archiven zusammengetragen und auch das "Geheime Hausarchiv" der königlichen Familie Bayerns einsehen dürfen, teilt die Akademie mit.

Ludwig II., von 1864 bis 1886 König von Bayern und der Pfalz, wurde am 8. Juni 1886 in einem psychiatrischen Gutachten für unheilbar geisteskrank und dauerhaft regierungsunfähig erklärt. Die Diagnose lautet Paranoia und Geistesschwäche. "Diese Schlußfolgerung ist heute nicht mehr zu halten", so Häfner. Nach dem Quellenstudium sei zweifelsfrei zu belegen, daß bei Ludwig II. keine Zeichen von Geistesschwäche und einer paranoiden Psychose vorlagen.

Häfner berücksichtigt die herausragenden Fähigkeiten und Leistungen des Königs, Bauherr berühmter neoromantischer Schlösser, und kommt zu einer anderen Diagnose: Um seinen inneren Konflikten zu entkommen, habe Ludwig zunehmendes Suchtverhalten entwickelt, wenn auch ein sehr ungewöhnliches - er sei bausüchtig geworden. Er zeige in evidenter Weise alle Merkmale einer "nicht substanzgebundenen Sucht", wie sie auch für Glücksspieler typisch sei.

Außerdem hätten Ludwig seit seiner Jugend Ängste vor Menschen geplagt: Er habe unter einer Sozialphobie gelitten. "Diese Erkenntnis ist gleichermaßen neu und unerwartet, läßt sich aber an vielen Details gut belegen", so Häfner zum Ergebnis seiner Studien.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Der gesundheitspolitische Parteien-Check Teil II

Wie viel Europa verträgt unser Gesundheitssystem? Im zweiten Teil unseres Parteienchecks vor der Europawahl am Sonntag zeigt sich: Die Bundestagsfraktionen sind sich uneinig. mehr »

Wenn Babys an Leukämie erkranken

Leukämie ist die häufigste Krebsart bei Kindern. Für viele ist eine Stammzelltransplantation die letzte Chance auf Leben. Doch bei Levin Gebhardt reichte eine einzige nicht aus. mehr »

Der Königsweg für den richtigen Datenschutz ist noch umstritten

Das Inkrafttreten der DSGVO jährt sich zum ersten Mal. Doch noch immer ist vielen Ärzten einiges unklar. Die Datenschützer aus Bayern tun sich mit strikten Ansichten hervor – stehen damit aber nicht allein. mehr »