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"Wenn kranke Kinder gelacht haben, hat es sich gelohnt"

Von Bernd Krug Veröffentlicht:

Als Nicole vier Jahre alt war, erkrankte sie an Krebs, mußte sich der Chemotherapie unterziehen und bekam einen Oberschenkel amputiert. Jetzt ist sie 17, eine junge Frau voller Pläne und voller Lebenslust. Nicole geht wieder in die Heidelberger Uni-Kinderklinik - als Clown, zusammen mit Schwester Nadine und Mutter Julia. Ihr Motto: "Lachen und Lebensfreude sind die beste Medizin."

Dreimal die Woche muß der elfjährige Dennis zur Dialyse. Gut vier Stunden dauert jedes mal die Prozedur. "Die Clowns sind super", strahlt der kleine Patient. Und auch die Augen der elfjährige Shafaaton leuchten. Ihre Eltern kommen aus Togo. Jetzt lebt sie in Saarbrücken. Auch sie muß dreimal die Woche zur Dialyse nach Heidelberg.

Auf der Kinderkardiologie schließlich wartet der kleine Sandro (5) - er leidet an schweren Herzrhythmusstörungen - schon sehnsüchtig auf die Clowns. Sie verzaubern ihn mit Seiltricks und kunstvollen Ballonfiguren. "Wann kommt ihr wieder", will er unbedingt wissen, bevor Julia, Nicole und Nadine weiterziehen - auf die Krebsstation.

Bei Michael (11) laufen die Infusionen. Der Junge weiß seit fünf Monaten, daß er Leukämie hat. Die ersten Chemotherapien hat er hinter sich. Er wartet auf eine Knochenmarktransplantation. Michael bekommt einen Zauberhut aufgesetzt. Dann läßt Nadine das indische Zauberseil über sein Bett wachsen, Nicole blättert in ihrem Zaubermalbuch. Da, wo eben noch ein buntes Bild war, ist jetzt nur noch ein rotes Blatt. Dafür sind viele kleine Bildschnipsel im Bett von Michael gelandet. Eine Riesengaudi. Und als dann noch Mutter "Julchen" das Akkordeon auspackt, scheint der Klinikalltag ganz weit weg.

Mit vier Jahren bekam Nicole ein Osteosarkom

Nebenan wartet Christoph (15) auf die Clowns. Er hat Knochenkrebs am Knie. Auch Johannes und Karla warten. So geht es weiter von Zimmer zu Zimmer der Klinik.

Nach zwei Stunden brauchen die Clowns eine Pause. "Warum macht diese Krankheit auch vor Kindern nicht halt? Läßt sie die Kleinen und ihre Eltern durch die Hölle gehen? Es gibt Tage, da verstehst du die Welt nicht mehr." Julia Hartmann (42) sitzt nachdenklich in einer Ecke im Schwesternzimmer. "Und dennoch - man darf nicht aufgeben, den Mut nicht verlieren." So wie sie selbst nicht aufgegeben hat, als ihre eigene Tochter an Krebs erkrankt war.

Nicole war gerade vier Jahre alt geworden, als ihr plötzlich der Oberschenkel weh tat. "Das werden Wachstumsschmerzen sein. Vielleicht hat sie sich beim Toben verausgabt oder gezerrt", denkt die Mutter zunächst. Doch die Schmerzen verschwinden nicht. Die Kernspintomographie zeigt die Ursache: Das Mädchen hat einen Tumor am linken Oberschenkel - ein Osteosarkom. Der Tumor hat bereits Gewebe und Muskulatur befallen.

Auf die erste Chemotherapie spricht sie nicht an. Nach dem dritten Block folgt die Operation. Das linke Bein mit dem Hüftgelenk wird amputiert. Um die Bewegungsfähigkeit des Kindes zu erhalten, entscheiden sich Eltern und Ärzte für die sogenannte große Umkehrplastik. Der Unterschenkel wird mit dem Fuß in die nicht mehr vorhandene Hüftpfanne implantiert. Sechs Stunden dauert die Operation in der Uniklinik Münster. Wo früher das Knie saß, befindet sich nach der Operation der Fuß. Daran wird später eine Prothese angepaßt, mit der Nicole wieder laufen lernen soll.

Fast ein Jahr dauert es, bis sich das Mädchen an die erste Prothese gewöhnt hat. Dann ist die auch schon wieder zu klein. Es beginnt der mühsame Prozeß des Wieder-Laufenlernens mit Gehschule und Krankengymnastik. Da Nicole voll im Wachstum ist, muß zweimal im Jahr eine neue Beinprothese angepaßt werden. Erst mit sieben kann sie wieder halbwegs richtig gehen.

Heute, mehr als zwölf Jahre nach der Operation und mit der 22. Prothese, sieht man auf den ersten Blick nichts von ihrer Behinderung. "Ich kann keine schwere Sachen tragen, und die Schultasche war manchmal ein Problem", erzählt sie. "Beim Fahrradfahren habe ich bei Gegenwind keine Chance, da ich nur mit dem rechten Bein treten kann. Und auch beim Laufen ist nach zehn Minuten Schluß. Doch damit kann man leben." Den Realschulabschluß hat sie gemacht. Jetzt will sie die Fachhochschulreife erlangen, später einmal in einem sozialen Beruf arbeiten.

Ein Jahr nach der Operation kommt bei Mutter Julia der Zusammenbruch mit Hörsturz und Erschöpfungszuständen. "Was wollen Sie mit ihrem eigenen Leben noch anfangen?", fragt die Therapeutin. "Ich weiß selbst nicht warum, aber wie aus der Pistole geschossen habe ich geantwortet: Ich weiß es, ich werde Clown. Ich gehe wieder auf die Krebsstation. Da ist soviel Tod drin, da muß ein bißchen Leben rein!"

Mutter Julia Hartmann hat einen Clownsschule besucht

"Alle haben mich für verrückt erklärt, nur nicht meine Kinder. Die waren sofort mit dabei." Julia Hartmann besucht eine Clownsschule. Was sie dort lernt, bringt sie zuhause ihren Töchtern bei. Beim Sommerfest der Schule bestehen die drei ihre Feuertaufe. Einmal die Woche besuchen sie abwechselnd die kleinen Patienten, in den Kinderkliniken in Heidelberg und Mannheim.

"Das erste Krebszimmer ist meist das schwierigste. Da kommt die Erinnerung, da holt mich die eigene Vergangenheit ein", sagt Julia Hartmann. "Aber wenn wir raus gehen, die Kinder gelacht, ihre Medikamente klaglos genommen und die Infusionsständer in Ruhe gelassen haben, dann sind wir selbst zwar fix und fertig, aber auch zufrieden. Es hat sich gelohnt. Wir haben wieder ein wenig Abwechslung in den Klinikalltag gebracht."

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