Aufgerissene Augen, starre Gesichtszüge: die "Irren-Bilder" der Expressionisten

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Von Ingeborg Bördlein

Expressionismus und Wahnsinn haben sich gegenseitig befruchtet. Dies zeigt eine Ausstellung mit gleichnamigem Titel in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn. So sind "Irre als Außenseiter und Randexistenzen", also als das radikale Gegenteil zum Bürgertum, wichtige bildnerische Objekte in den Werken des Expressionismus.

Gleichzeitig sind sie auch aktive expressionistische Maler und Gestalter, und schließlich findet eine ganze künstlerische Gattung - die sogenannte Irren-Kunst - das Interesse von Expressionisten. Diese drei Aspekte werden in der Bilderschau mit über 90 Werken vertieft. Zu sehen sind Exponate berühmter expressionistischer Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Dix, Christian Schad und Alfred Kubin.

Die Ausstellung "Expressionismus und Wahnsinn" wurde in größerer Form bereits vor zwei Jahren in Schleswig gezeigt. Die Heidelberger Präsentation ist kleiner, aber fein.

Erich Heckel porträtierte Patienten in einer Anstalt

Der Rundgang beginnt mit Porträts von psychisch Kranken von expressionistischen Künstlern. Besonders auffallend ist gleich zu Beginn das Ölbild "Der Verrückte", das Erich Heckel im Jahre 1914 gemalt hat. Heckels Bilder von Irren entstanden nach der Begegnung mit Patienten zum Beispiel in der Psychiatrischen Anstalt " Maison de Santé" in Berlin.

Er und andere Maler und Zeichner wie Christian Schad und Heinrich Ehmsen besuchten solche Anstalten, um "Irren-Bilder" zu malen. Fast klischeehaft werden die psychiatrischen Patienten dargestellt, mit weit aufgerissenen Augen, starren Gesichtszügen und in räumlicher und seelischer Isolation.

Christian Schad, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, der eine kurze expressionistische Phase hatte, sah eher die individuelle Persönlichkeit der Patienten, die er in der Psychiatrischen Klinik "Bel Air" in Genf porträtiert hat. Mit einem von ihnen hatte er sich sogar angefreundet. Sein Bild "In der Wanne", das er von ihm malte, entstand im Jahre 1918 nach einem Zwischenfall: Schad wollte mit dem Patienten einen Ausgang machen.

Der Kranke wollte dem Maler vorher die Schuhe putzen. Doch die kniende Haltung mußte bei dem Kranken wohl ein Gefühl der Erniedrigung ausgelöst haben, denn er stürzte sich auf den Maler und wollte ihn würgen. Dies hatte zur Folge, daß der Patient in der Klinik in ein mehrstündiges Dauerbad zur Beruhigung gesteckt wurde. Einfühlsam wurde er von Schad in dieser hilflosen Lage porträtiert. Ebenso sensibel ist seine bildliche Darstellung zweier vielleicht befreundeter Männer "Im Irrengarten", einem der Hauptwerke der Ausstellung.

Der psychisch Kranke wird auch Sinnbild für den Wahnsinn des ersten Weltkrieges, wie die Bilder von Otto Dix und Walter Gramatte zeigen. Beispielhaft ist hier das Aquarell "Der große Irre mit der Fahne" zu nennen, das 1919 von Gramatte gefertigt wurde. Der Irre ist hier der verkörperte Krieg.

Eine weiter expressionistische Künstlerin ist Elfriede Lohse-Wächtler, die selbst Anstaltspatientin war. Auch von ihr sind in Heidelberg einige Werke ausgestellt. Sie hat ihre Mitpatientinnen porträtiert und sich selbst schonungslos in eindringlichen Selbstporträts dargestellt.

Im zweiten Ausstellungsblock sind dann Werke von Patienten-Künstlern aus der Sammlung Prinzhorn zu sehen, die in der Zeit des Expressionismus entstanden sind und starke expressive Züge tragen, darunter Werke herausragender Künstler wie Else Blankenhorn und Franz Karl Bühler.

Expressionisten wie zum Beispiel Ernst Ludwig Kirchner, der selbst zeitweise Patient in der Psychiatrie war, zeigten eine starke Hinwendung zu psychiatrischer Kunst. Kirchner wurde bei seinem Sanatoriumsaufenthalt im "Bellevue" in Kreuzlingen am Bodensee durch seinen Arzt Ludwig Biswanger auf Bilder der Künstler-Patientin Else Blankenhorn aufmerksam gemacht worden.

Alfred Kubin war von der "Irren-Kunst" überwältigt

Er war begeistert von ihren zum Teil mystisch anmutenden Gemälden und offensichtlich auch davon beeinflußt. Dies legt die Gegenüberstellung von Werken beider in der Ausstellung nahe, darunter ist auch Kirchners "Wintermondnacht" aus dem Jahre 1919, eines der wertvollsten Exponate der Heidelberger Bilderschau.

Der Rezeption der Psychiatrie-Kunst durch Alfred Kubin wird ein weiterer Schwerpunkt in der Ausstellung gewidmet. Kubin hat die Sammlung Prinzhorn 1920 in Heidelberg besucht und sich sehr beeindruckt gezeigt. Er hat auch einen Artikel in einer Kunstzeitschrift über seinen "übergewaltigen Eindruck dieser Kunst" geschrieben. Er war damit der einzige Künstler, der es damals gewagt hat, sich öffentlich mit der Kunst der Irren auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg ist noch bis zum 19. Juni ( im Zentrum für Psychosoziale Medizin, Voßstraße 2) zu sehen. Öffnungszeiten: Di -So 11-17, Mi bis 20 Uhr. Öffentliche Führungen: mittwochs 18 Uhr und sonntags 14 Uhr.

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