Ärzte Zeitung, 28.04.2005

Bei Tsunami starben 3000 Studenten und 126 Professoren

Uni Göttingen koordiniert Wiederaufbau von zerstörter Hochschule in der indonesischen Provinz Banda Aceh

Zeltstadt auf dem Campus der Universität von Banda Aceh. Viele Studenten haben durch den Tsunami alles verloren - auch ihre Eltern, die sie vorher unterstützt hatten. Fotos: pid

Von Heidi Niemann

Mit einem einzigartigen Langzeit-Hilfsprojekt will die Universität Göttingen die von der Tsunami-Flutkatastrophe betroffene Universität Syiah Kuala in der indonesischen Provinz Banda Aceh unterstützen.

Die Flut hatte dort enorme Schäden an Gebäuden, Laboreinrichtungen, Forschungsgeräten und Lehrmaterialien angerichtet. Damals starben 3000 der 26 000 Studenten, wie Forstdirektor Carsten Schröder vom Göttinger Tropenzentrum bei einer Informationsveranstaltung der Göttinger Universität berichtete.

Außerdem seien 126 Professoren tot oder vermißt. Viele Studenten hätten auch ihre Eltern verloren, so daß sie ohne Lebensunterhalt dastünden. Die Göttinger Uni koordiniert im Auftrag des Auswärtigen Amtes die deutsche Partnerschaftsinitiative zum Wiederaufbau der Hochschule.

Seit 15 Jahren schon besteht Partnerschaft mit Agrarfakultät

Bereits direkt nach der Flutkatastrophe hatte die Universität sofort geholfen und Doktoranden aus Banda Aceh den Rückflug in ihre Heimat ermöglicht. Daß gerade die Uni Göttingen die Hilfsaktion in Banda Aceh koordiniert, hängt mit ihren langjährigen Beziehungen zu Indonesien zusammen. So besteht bereits seit mehr als 15 Jahren eine Partnerschaft mit der Agrarfakultät der Universität Bogor auf der Insel Java. An der Initiative sind auch andere deutsche Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Förderinstitutionen beteiligt.

Das Institut für Anatomie an der Universität Syiah Kuala. Die Flutwelle hat Laboreinrichtungen, Geräte und Lehrmaterialien zerstört.

Die Göttinger wollen vor allem der landwirtschaftlichen und der medizinischen Fakultät der Universität in Banda Aceh helfen. Drei Göttinger Wissenschaftler waren deshalb jetzt zwei Wochen in der Region, um sich ein Bild von den Zerstörungen zu machen und in Gesprächen mit Vertretern der Universität Syiah Kuala Konzepte für den Wiederaufbau zu entwickeln. Inzwischen ist dort bereits ein Partnerschaftsbüro der Göttinger Universität eingerichtet.

Die drei Wissenschaftler zeigten sich schockiert über die Zerstörungen. Obwohl seit der Flutkatastrophe mehrere Monate vergangen seien, übersteige das Ausmaß der Schäden immer noch die Vorstellungskraft, sagte der Direktor der Abteilung Medizinische Mikrobiologie Professor Uwe Groß.

Groß koordiniert die Hilfsmaßnahmen für den Bereich Humanmedizin der Uni Göttingen und sammelt Hilfsangebote anderer Einrichtungen und Organisationen. Zu den Unterstützern des Hilfsprojekts gehören auch die Ärztekammer Niedersachsen, die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und die Missionsärztliche Klinik Würzburg.

In der ersten Woche nach dem Tsunami habe es viele Suizide in Banda Aceh gegeben, so Groß. Viele Überlebende litten an der sogenannten "Tsunami-Pneumonie". In ihre Lungen seien als Folge der Flutwelle Bakterien, Schlamm und toxische Komponenten eingedrungen.

Studenten campieren noch immer in einem Zeltlager

Der Universitätsbetrieb in Banda Aceh ist immer noch stark beeinträchtigt. So befindet sich auf dem Campus der Universität Syiah Kuala ein Zeltlager, in dem viele Studenten campieren. Zum Teil sei das Gelände meterhoch mit Trümmern übersät gewesen, sagte der Agrarwissenschaftler Dr. Ronald F. Kühne. Immer noch würden dort Leichen gefunden, die allerdings inzwischen nicht mehr identifizierbar seien.

Bei ihrem Informationsbesuch wurden die Göttinger Wissenschaftler mit vielen tragischen Schicksalen konfrontiert. So wunderte sich Groß bei seinem Erkundungsbesuch darüber, daß ein Krankenhausdirektor in seinem Büro ein Bett stehen hatte. Der Direktor teilte ihm den Grund mit: Er hatte durch den Tsunami seine Frau, seine Kinder und sein Haus verloren. Ein anderer Klinikmitarbeiter verlor seine gesamte Großfamilie - insgesamt 51 Menschen.

Angesichts der Schicksale gibt es keine Wahl: Man muß helfen!

Ein Mitarbeiter des islamischen Instituts in Banda Aceh übergab der Göttinger Delegation zum Abschied Fotos seiner Kinder. Der Wissenschaftler hat einst in Göttingen Philosophie studiert und promoviert. Auch seine Kinder hatten mehrere Jahre in Göttingen gelebt - sie wurden ebenfalls Opfer des Tsunami. Angesichts solcher Schicksale habe man keine Wahl mehr, sagte Forstdirektor Carsten Schröder: "Man muß dann helfen."

Die Klinik hat inzwischen viele neue Geräte bekommen, auch die Medikamenten-Lager sind dank der ausländischen Hilfslieferungen gut bestückt, sogar deutlich besser als vorher. Früher habe es etwa 50 verschiedene Medikamente gegeben, jetzt seien es über 100, sagte Groß. Auch die technische Ausstattung hat sich durch die Hilfslieferungen verbessert. Jetzt gebe es allerdings das Problem, daß die Mitarbeiter noch mit den modernen Geräten vertraut gemacht werden müßten.

Bislang hat das Göttinger Hilfsprojekt 300 000 Euro an Firmenspenden, 50 000 Euro an Einzelspenden und viele Bücherspenden bekommen. Außerdem gibt es Mittel für über 500 Stipendien, die in Not geratenen Studierenden für zwei Jahre den Lebensunterhalt sichern.

Nötig sind weitere Spenden, um die Hochschule mit Lehrbüchern, Beamern und Laptops zu versorgen. Geplant sind ferner Austauschprogramme zwischen den Partneruniversitäten sowie Workshops und Summer Schools. Außerdem soll es Angebote für die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Pflegepersonal geben. Auch Famulaturen von Göttinger Medizin-Studenten in Banda Aceh sind möglich.

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