Ärzte Zeitung, 23.06.2006

"Wir spielen alle komplexen Bewegungen täglich durch"

Klaus Eder ist als Chefphysiotherapeut des DFB nah an den Nationalspielern / Schwerpunkt liegt in der Prävention

Von Christiane Inholte

Die deutsche Nationalelf hat mit viel Energie und hoher physischer Belastung erfolgreich die Vorrunde beendet. Daß es bisher keine nennenswerten Verletzungen gab und die Spieler ihr hohes Leistungsniveau von Beginn an halten konnten, ist auch dem großen Engagement der Physiotherapeuten zu verdanken.

Physiotherapeut Klaus Eder (links) und Team-Arzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt versorgen den verletzten deutschen Nationalspieler Torsten Frings. Foto: dpa

"Unsere Herausforderung besteht darin, die Spieler so zu betreuen, daß sie die Trainings- und Wettkampfbelastung sowohl physisch als auch psychisch überstehen", sagte der Chefphysiotherapeut der DFB Klaus Eder im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Einen Schwerpunkt legen wir dabei auf die Prävention. Wir untersuchen die Fußballer jeden Tag." Alle komplexen Bewegungen würden täglich durchgespielt. Dabei suchen die Physiotherapeuten nach der Schlüsselläsion, wo der Hebel der Therapie angesetzt werden kann.

Die Spieler der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft absolvieren unter Aufsicht von Physiotherapeut Klaus Eder einige Gymnastikübungen. Foto: ddp

Notwendig ist die intensive Bestreuung durch die hohe Belastung, der die Spieler ausgesetzt sind. "Ein Fußballer wechselt pro Spiel etwa alle vier bis sechs Sekunden die Richtung", so Eder. Das seien 1000 bis 1400 Richtungswechsel pro Spiel und stelle eine hohe Belastung für Gelenk- und Bandstrukturen, Muskeln und deren Steuerungsmechanismen dar. "Diese Funktionen müssen jeden Tag neu justiert und überprüft werden, damit die Spieler ihre individuelle Balance behalten."

"Die Kritik an Ballack war unberechtigt"

Ungleichgewichte können schwerwiegende Folgen haben. "Ein Beispiel ist die rechte Wade von Michael Ballak. Er hatte zuvor eine Verletzung am linken Sprunggelenk gehabt. Automatisch hat der Körper versucht, die linke Seite zu schonen, und das rechte Bein hat die Belastung übernommen. So kam es zu einer Überlastungsreaktion, nachdem das Sprunggelenk schon auskuriert war. Die Kritik an Ballack war demnach unberechtigt. Es lag keine Verletzung vor und er hat sich richtigerweise geschont."

Um derartige Fälle zu vermeiden konzentriert sich das Team um Eder auf präventive Maßnahmen. Und daß dieses Konzept erfolgreich ist, beweist die Fitneß der Spieler in dieser WM-Vorrunde. "Durch die Kooperation von Ärzten, Physiotherapeuten und Fitneßtrainern haben wir das Verletzungsrisiko - ohne Fremdeinwirkung - praktisch auf null zurückgeschraubt."

Die Hauptaufgaben der Physiotherapeuten bestehen dabei nach Angaben von Eder darin, in die Spieler hineinzuhören und Zusammenhänge bei Problemen zu erkennen. Zwei wichtige Aspekte kennzeichneten ihren Aufgabenbereich:

  • Prävention: Täglich wird geprüft, ob sich die Gelenke in ihrer funktionsspezifischen Stellung befinden. "Der Unterschenkel muß genau unter dem Oberschenkel stehen. Er darf weder in Innen-, Außenrotation, Flexion oder Extension sein, und es muß überall die gleiche Spannung bestehen." Stimme die Becken-Bein-Achse nicht mehr, ändere sich auch die Spannung des Muskel- und Fasciensystems. Eder: "Eine Dysfunktion am Gelenk führt zwangsläufig zu muskulären Dysbalancen. Diese führen zwangsläufig zu erhöhtem Verletzungsrisiko, was zwangsläufig die Leistungsfähigkeit der Spieler minimiert." Dies zu beurteilen und beheben sei Aufgabe der Physiotherapie.
  • Verletzung: Wenn sich ein Spieler verletzt, wirkt der Therapeut für schnelle Regeneration auf einzelnen Strukturen ein. "Kommt es zum Beispiel zu einem Supinationstrauma durch Umknicken im Sprunggelenk, dann ist der wichtigste Aspekt, so schnell wie möglich eine ausgeglichene Spannung im Gelenk wiederherzustellen. Das verletzte Band muß in diesem Fall nochmals in die Supinationsstellung überdehnt werden." Dadurch würden Gelenkrezeptoren wieder angeregt, und Schmerzrezeptoren gewinnen keine Überhand, wodurch Schonungsverhalten vermieden würde. "Wir versuchen wieder Balance ins Gelenk zu bringen. So wird das verletzte Band erneut in den Funktionskreis einbezogen. Es kann schneller regenerieren und negative Begleiterscheinungen werden verhindert. Das Band ist zwar nicht geheilt, aber es gelangen keine Fehlinformationen an Muskulatur und Bindegewebe. Ein Circulus vitiosus entsteht erst gar nicht", erklärt Eder.

In die WM-Zukunft der deutschen Elf blickt Eder positiv. "Die Belastung der Vorrunde hat die Spieler nicht in ihrem Leistungsniveau eingeschränkt. Schwieriger wird es ab dem Achtelfinale, wenn die Zeit zwischen den Spielen kürzer ist. Aber mit drei Ärzten, drei Physiotherapeuten, einem Masseur, vier Fitneßtrainern, drei Fußballtrainern - insgesamt alle mit großer Erfahrung - haben wir die Sache gut im Griff."

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