Ärzte Zeitung, 07.11.2007

Kann Religiosität kranken Menschen schaden?

Untersuchung stellt bei gläubigen Schmerzpatienten mehr positive als negative Effekte fest / Ergebnis umstritten

HANNOVER (cben). Glauben hilft? Von wegen. Nach einer Untersuchung, die die Religionswissenschaftlerin Claudia Appel von der Universität Trier über den Zusammenhang von Religiosität und der Verarbeitung von chronischen Schmerzen vorstellte, ist es so einfach nicht.

"Schädliche Aspekte von Religiosität sind den Daten nach durchschlagender als hilfreiche", erklärte Appel auf dem Workshop der Akademie für Hospizarbeit und Palliativmedizin der Ärztekammer Niedersachsen. Allerdings meldeten einige Teilnehmer der Tagung Zweifel an diesen Erkenntnissen an.

Appel misst der psychischen Verarbeitung des Schmerzerlebens große Bedeutung bei. Das so genannte Coping, das ist die kognitiv-emotionale Verarbeitung des körperlichen Erlebens, habe eine weitaus größere Bedeutung für die Chronifizierung und Ausprägung des Schmerzsyndroms als somatische Faktoren, so Appel. Grund genug, sich um Strategien zu kümmern, mit denen religiöse Menschen ihrem schmerzenden Körper begegnen - die Rede ist vom religiösen Coping.

Geistliche sehen Studie eher skeptisch.

Zwei Mal befragten Appel und ihre Kollegen etwa 170 beziehungsweise 150 Männer und Frauen mit chronischen Schmerzen. Außer Fragen zu Person, Erkrankung und zum sozialen Umfeld fragten die Forscher auch nach der Bedeutung von Religion im Leben der Patienten. Gehen Sie zum Gottesdienst? Beten Sie? Hat Gott Einfluss auf Ihr Leben? Dabei wurde sowohl nach negativem religiösen Coping gefragt ("Ich frage mich immer wieder, warum Gott mich im Stich lässt"), als auch nach positivem religiösem Coping ("Mein Glaube gibt mir Sicherheit, wenn ich entscheiden muss, wie ich mich verhalten soll").

Am Schluss setzten sie die Antworten in Korrelationen zueinander. Das Ergebnis: Der Effekt von negativer Religiosität auf das Schmerzerleben ist größer als der Effekt von positiver Religiosität. Vor allem die Hilflosigkeit der Patienten, die Überzeugung einer göttlichen Macht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, lässt die Betroffenen verstärkt unter Schmerzen leiden.

Vor allem die Pfarrer auf der Tagung bezweifelten, dass Religiosität messbar sei. Gebet sei doch auch die Haltung dessen, der loslässt, hieß es, was danach geschehe, sei nicht etwa in der Anzahl der Gebete zu fassen. Auch die Trennung in negative und positive Religiosität wurde kritisiert. Wenn man Religiosität und Schmerzen in Zusammenhang mit Krise und Überwindung stelle und als Prozess verstehe, könne beides schließlich hilfreich sein.

Für Appel gilt es vor allem, die Hilflosigkeit zu lindern. "Man muss vorsichtig sein bei der Interpretation der Daten", meint sie, "aber sehr weit gefasst kann man sagen: Schmerzpatienten kann geholfen werden, indem sie zunehmend erleben, Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen."

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