Direkt zum Inhaltsbereich

Kann Religiosität kranken Menschen schaden?

HANNOVER (cben). Glauben hilft? Von wegen. Nach einer Untersuchung, die die Religionswissenschaftlerin Claudia Appel von der Universität Trier über den Zusammenhang von Religiosität und der Verarbeitung von chronischen Schmerzen vorstellte, ist es so einfach nicht.

Veröffentlicht:

"Schädliche Aspekte von Religiosität sind den Daten nach durchschlagender als hilfreiche", erklärte Appel auf dem Workshop der Akademie für Hospizarbeit und Palliativmedizin der Ärztekammer Niedersachsen. Allerdings meldeten einige Teilnehmer der Tagung Zweifel an diesen Erkenntnissen an.

Appel misst der psychischen Verarbeitung des Schmerzerlebens große Bedeutung bei. Das so genannte Coping, das ist die kognitiv-emotionale Verarbeitung des körperlichen Erlebens, habe eine weitaus größere Bedeutung für die Chronifizierung und Ausprägung des Schmerzsyndroms als somatische Faktoren, so Appel. Grund genug, sich um Strategien zu kümmern, mit denen religiöse Menschen ihrem schmerzenden Körper begegnen - die Rede ist vom religiösen Coping.

Geistliche sehen Studie eher skeptisch.

Zwei Mal befragten Appel und ihre Kollegen etwa 170 beziehungsweise 150 Männer und Frauen mit chronischen Schmerzen. Außer Fragen zu Person, Erkrankung und zum sozialen Umfeld fragten die Forscher auch nach der Bedeutung von Religion im Leben der Patienten. Gehen Sie zum Gottesdienst? Beten Sie? Hat Gott Einfluss auf Ihr Leben? Dabei wurde sowohl nach negativem religiösen Coping gefragt ("Ich frage mich immer wieder, warum Gott mich im Stich lässt"), als auch nach positivem religiösem Coping ("Mein Glaube gibt mir Sicherheit, wenn ich entscheiden muss, wie ich mich verhalten soll").

Am Schluss setzten sie die Antworten in Korrelationen zueinander. Das Ergebnis: Der Effekt von negativer Religiosität auf das Schmerzerleben ist größer als der Effekt von positiver Religiosität. Vor allem die Hilflosigkeit der Patienten, die Überzeugung einer göttlichen Macht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, lässt die Betroffenen verstärkt unter Schmerzen leiden.

Vor allem die Pfarrer auf der Tagung bezweifelten, dass Religiosität messbar sei. Gebet sei doch auch die Haltung dessen, der loslässt, hieß es, was danach geschehe, sei nicht etwa in der Anzahl der Gebete zu fassen. Auch die Trennung in negative und positive Religiosität wurde kritisiert. Wenn man Religiosität und Schmerzen in Zusammenhang mit Krise und Überwindung stelle und als Prozess verstehe, könne beides schließlich hilfreich sein.

Für Appel gilt es vor allem, die Hilflosigkeit zu lindern. "Man muss vorsichtig sein bei der Interpretation der Daten", meint sie, "aber sehr weit gefasst kann man sagen: Schmerzpatienten kann geholfen werden, indem sie zunehmend erleben, Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen."

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Statistisches Bundesamt

Gesundheitsämter bauen immer mehr Personal auf

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

© HL

Herbstsymposium der Paul-Martini-Stiftung

Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung

Corona-Pandemie

Lockdowns: Ein hoher Preis für den Nachwuchs

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

„ÄrzteTag“-Podcast

Wie kommuniziert man Zahlen und Risiken verständlich, Dr. Lühnen?

Medizin aus dem Kochtopf

Wie Ernährung die altersbedingte Makuladegeneration beeinflusst

Lesetipps
Schatten eines übergewichtigen Menschen an einer Wand.

© Luluraschi / stock.adobe.com

Fettleibigkeit beginnt im Gehirn

Adipositas: Wechselspiel zwischen Genetik, Hirn und Mikrobiom

Fußballfans im Stadion jubeln.

© Jacob Lund / stock.adobe.com

Anpfiff fürs Herzrasen

Gefährlich emotional: Wenn Fußball aufs Herz geht