Ärzte Zeitung, 24.01.2008

HINTERGRUND

Forscher räumen mit Mythen in der Medizin auf

Von Pete Smith

Haare und Fingernägel wachsen nach dem Tod weiter, und wer bei gedämpftem Licht liest, ruiniert seine Sehkraft: Zwei Behauptungen, bei denen es sich um medizinische Mythen handelt, die im Laufe der Jahrzehnte so oft wiederholt wurden, dass viele sie für wahr halten.

Fehlfunktionen durch Handys in der Klinik? Kein Fall ist bekannt.

Die US-Forscher Aaron E. Carroll vom Regenstrief Institute in Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana und seine Kollegin Rachel C. Vreeman von der Children's Health Services Research der Indiana University School of Medicine haben sieben dieser Legenden entmystifiziert. Damit, so schreiben sie, wollen sie vor allem das Bewusstsein ihrer Kollegen schärfen und diese anhalten, auch scheinbar unumstößliche Wahrheiten zu hinterfragen (British Medical Journal 335, 2007, 1288).

  • Der Mensch sollte täglich acht Gläser (zweieinhalb Liter) Wasser trinken: Vreeman und Carroll vermuten, dass eine ähnlich lautende Empfehlung renommierter Ernährungswissenschaftler häufig von der Publikumspresse verfälscht wiedergegeben wird. Denn die Anregung bezieht sich auf die Aufnahme von Flüssigkeit, nicht von Wasser. Oft werde der tägliche Flüssigkeitsbedarf durch Säfte, Milch, Kaffee und Tee gedeckt. Im Gegenteil berge der exzessive Konsum von Wasser Risiken, die im Extremfall zum Tod führen könnten.
  • Wir nutzen nur zehn Prozent unserer Hirnkapazität: Dieser Glaube hält sich schon seit einem Jahrhundert hartnäckig. Und das, obwohl die dramatischen Fortschritte in den Neurowissenschaften dafür keinerlei Belege geliefert hätten. Oft werde Albert Einstein als Zeuge aufgerufen, doch habe man dem genialen Physiker kein einziges entsprechendes Zitat zuordnen können. Carroll und Vreeman glauben, dass die Legende von Quacksalbern in die Welt gesetzt wurde, die ihre wirkungslosen Hirnstimulanzien unters Volk bringen wollten. Neuere Forschungen und bildgebende Verfahren bei Hirnverletzungen hätten hinreichend bewiesen, dass der Mensch weit mehr als zehn Prozent seines Hirns nutzt.
  • Haare und Fingernägel wachsen nach dem Tod weiter: Dieser Mythos, so die US-Wissenschaftler, hat seine Wurzeln in einem biologischen Phänomen, das nach dem Tod einsetzt: Die Austrocknung des Körpers führt dazu, dass sich die Haut zusammenzieht. Dadurch treten Finger- und Fußnägel sowie die Haare stärker hervor. Aber natürlich endet mit dem Tod eines Menschen auch dessen Zellwachstum.
  • Haare wachsen schneller, gröber und dunkler nach, wenn man sie rasiert: Auch dieser Mythos halte sich hartnäckig, so Carroll und Vreeman. Dabei habe eine klinische Studie bereits 1928 das Gegenteil bewiesen. Mehrere neuere Studien hätten dies untermauert - weder Geschwindigkeit noch Farbe noch Struktur von Haaren veränderten sich durch häufige Rasur. Allenfalls erwecke die durch die Rasur geschliffene Spitze den Eindruck des Groben, und ein frisch gesprossenes Haar wirke eben dunkler, da es von der Sonne noch nicht gebleicht worden ist.
  • Wer bei gedämpftem Licht liest, ruiniert sein Augenlicht: Der Ursprung dieser Legende ist in einer Alltagserfahrung zu suchen, vermuten die US-Forscher. Bei schlechtem Licht haben Menschen Schwierigkeiten, Dinge zu fokussieren. Außerdem strengt das Lesen bei gedämpftem Licht an, die Augen ermüden schneller. Allerdings seien diese Effekte nicht dauerhaft, nach einer Mütze Schlaf sei die ursprüngliche Sehschärfe rasch wieder hergestellt.
  • Handys erzeugen elektromagnetische Störungen in Krankenhäusern: Carroll und Vreeman haben keinen einzigen dokumentierten Fall entdeckt, wonach der Gebrauch eines Handys im Krankenhaus zu Fehlalarmen oder -funktionen geführt hat. Weder Monitore noch Infusionspumpen seien durch Handys jemals beeinträchtigt worden. Eine britische Studie habe zwar ergeben, dass Handys, die weniger als einen Meter von medizinischen Apparaturen entfernt benutzt wurden, in vier Prozent aller Fälle jene beeinflusst hätten; die Effekte jedoch seien nur in 0,1 Prozent von Bedeutung gewesen.
  • Der Verzehr von Truthahnfleisch macht Menschen schläfrig: Dieser Mythos ist vor allem in der angelsächsischen Welt verbreitet, weil Truthahnbraten das traditionelle Gericht an Thanksgiving ist. Erklärt werde das mit einem hohen Tryptophan-Anteil im Truthahnfleisch. Aber erstens enthalte Truthahnfleisch nicht mehr Tryptophan als anderes Fleisch, und zweitens lasse sich die Müdigkeit nach dem Essen in aller Regel auf Übersättigung zurückführen, schreiben die Wissenschaftler.

FAZIT

Auch bei Ärzte halten sich medizinische Mythen, deren Überzeugungskraft weniger auf Fakten, denn auf häufige Wiederholung gründet. Zwei US-Wissenschaftler haben sieben dieser Legenden entmystifiziert. Das reicht von der häufig vorgetragenen Empfehlung, täglich zweieinhalb Liter Wasser zu trinken bis hin zu Spekulationen über Handy-Gebrauch im Krankenhaus. Durch logische Erklärungen, Benennung von Studien und Recherchen können die Wissenschaftler die Mythen entzaubern.

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