Ärzte Zeitung, 15.06.2009

Struwwelpeters Vater - Armenarzt und Psychiatrie-Reformer

Vor 200 Jahren, am 13. Juni 1809, wurde er in Frankfurt am Main als Sohn eines städtischen Bauinspektors geboren: Heinrich Hoffmann hat sich nicht nur als Armenarzt einen Namen gemacht. Ruhm erlangte er als Autor eines Buches, das bis heute Millionen Kinder gelesen haben: "Der Struwwelpeter".

Von Pete Smith

Armenarzt und Kinderbuchautor: Heinrich Hoffmann.

Foto: Stadt Frankfurt

"Mich Unglücklichen hat es an drei Zipfeln gefasst und zerrt mich bald dahin, bald dorthin", klagte der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann 40-jährig, "da ist die Praxis, da pathologische Anatomie und das bisschen geheimer Musendienst." Zu jenem Zeitpunkt betrieb er seinen Musendienst tatsächlich noch im Geheimen - als Reimerich Kinderlieb oder Heulalius von Heulenburg, wie zwei seiner Pseudonyme lauteten. Das sollte sich jedoch schon bald ändern. Heute ist der Psychiater weniger seiner medizinischen Verdienste wegen bekannt, sondern als Autor der berühmten Geschichtensammlung um den "Struwwelpeter", "Zappel-Philipp" und "Suppen-Kaspar".

Am 13. Juni 1809 in Frankfurt am Main als Sohn eines städtischen Bauinspektors geboren, absolvierte Heinrich Hoffmann seine Schulzeit am Städtischen Gymnasium und von 1829 an in Heidelberg und Halle ein Medizinstudium, das er 1833 mit Promotion abschloss.

Im Anschluss an einen Aufenthalt in Paris nahm er in seiner Heimatstadt eine Anstellung als Arzt am Leichenschauhaus auf dem Friedhof in Frankfurt-Sachsenhausen an. Daneben ließ sich Hoffmann als praktischer Arzt und Geburtshelfer nieder und behandelte darüber hinaus gut ein Jahrzehnt lang unentgeltlich sozial schwache Bürger in der von ihm mitgegründeten "Armenklinik" der Stadt.

Bis 1844, so ist es dokumentiert, versorgte er dort zusammen mit fünf Kollegen 9000 Kranke ambulant und 500 stationär - Patienten, die sich allein keine medizinische Hilfe hätten leisten können. Die in der "Armenklinik" gesammelten Erfahrungen bildeten die Basis des 1845 gegründeten Ärztlichen Vereins, in dem sich Heinrich Hoffmann als Schriftführer und Vorsitzender engagierte.

Am 5. März 1840 heiratet der junge Arzt Therese Donner, die Tochter eines Hutfabrikanten, mit der er drei Kinder hat. Für seinen Erstgeborenen Carl Philipp schreibt und zeichnet Hoffmann 1844 "lustige Geschichten und drollige Bilder", die er dem Dreijährigen als Buch zu Weihnachten schenkt. Freunde drängen ihn, das, was er selbst als "zufälligen häuslichen Scherz" bezeichnet, zu veröffentlichen. Unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb erscheint eine Sammlung seiner Geschichten. Die ersten 1500 Exemplare des "Struwwelpeter" sind einen Monat nach Erscheinen vergriffen. Ein kleiner Vorgeschmack auf den späteren, weltweiten Erfolg, der nach einer gründlichen Überarbeitung und Ergänzung des Buchs durch Hoffmann 1858 einsetzt.

Bis dahin musste sich die junge Familie jedoch viele Jahre nach der Decke strecken. Zwar wurde Hoffmann 1844 zum Leiter der Senckenbergischen Anatomie bestellt, doch die Situation blieb finanziell angespannt. Immerhin bot ihm die Anstellung fachliche Befriedigung, wollte der Arzt doch "am liebsten von früh bis Abends am Seciertisch hocken". Politisch engagierte sich der Psychiater 1848 als Abgeordneter im Frankfurter Vorparlament, bevor er 1851 schließlich Direktor der Frankfurter "Anstalt für Irre und Epileptische" wurde, deren Geschicke er bis zu seiner Pensionierung 37 Jahre lang lenkte.

Hoffmann behandelte kostenlos Menschen, die mittellos waren.

Dort hat sich Hoffmann die größten Verdienste erworben. Bei seinem Amtsantritt in der "Irren-Anstalt" herrschten menschenunwürdige Zustände. Die Patienten wurden nicht behandelt, sondern verwahrt. Die Räume waren überbelegt und verdreckt, die Patienten weder nach Art ihrer Erkrankung noch nach ihrem Geschlecht getrennt. Hoffmann setzte alles daran, eine neue Klinik zu errichten. Jahrelang warb er um Nachlässe und sammelte Spenden. Mit Erfolg: 1864 wurde der Neubau der Klinik am nördlichen Stadtrand eröffnet. Im "Irrenschloss", wie die Einrichtung im Volksmund genannt wurde, wurde weitgehend auf Zwangsmittel verzichtet. Jede der zwölf Krankenabteilungen erhielt einen eigenen Garten. Die Patienten kamen in den Genuss einer Bäder- und Arbeitstherapie. Mit seinem Konzept legte Hoffmann den Grundstock für eine moderne Psychiatrie, deren Triebe nach seinem Tod am 20. September 1894 weiter wuchsen.

Ein Sommer im Zeichen Heinrich Hoffmanns

Frankfurts Bilderbuch-Arzt wird in diesem Jahr 200 - Anlass genug für seine Heimatstadt, den "Heinrich Hoffmann Sommer 2009" zu feiern. Ein Höhepunkt des Veranstaltungsreigens ist "Hoffmanns LebensWeg", eine Freiluftausstellung, die wichtige Stationen des Arztes und Kinderbuchautors beleuchtet, etwa sein Geburtshaus, seine medizinischen Wirkungsstätten und den Entstehungsort seines Bestsellers "Struwwelpeter".

Auf dessen Spuren verweist ein eigener Pfad, den große und kleine Kinder gemeinsam erlaufen können. Darüber hinaus befassen sich eine neue Dauerausstellung sowie sechs Sonderausstellungen in der Main-Metropole bis September mit dem Leben und Wirken des Arztes und Reformers. Vorträge und Lesungen runden das Programm ab. Eine Übersicht über die Veranstaltungen sowie einen Plan des "LebensWegs" sowie des "Struwwelpeter-Pfads" finden Besucher im Internet . www.hoffmann-sommer.de

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