Ärzte Zeitung, 14.12.2009

Prävention und Diabetestests am Straßenrand

Zwei Jahre Warten auf eine Operation - das war Alltag im Gesundheitswesen in Chile. Eine Gesundheitsreform der sozialistischen Regierung sollte Abhilfe schaffen. Dennoch bleiben die Wartezeiten gerade bei Facharzt-Terminen und vor Operationen hoch.

Von Angela Misslbeck

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Die Krankenschwester Margarena mit ihrem Stand in der Fußgängerzone der chilenischen Hauptstadt Santiago. Auf dem Schild bietet sie ihre Leistungen an: "Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker ... Ergebnis in fünf Sekunden."

Foto: ami

In der Fußgängerzone von Chiles Hauptstadt Santiago wimmelt es von Kleinhändlern. Direkt an der U-Bahn-Station Plaza de Armas hat die Krankenschwester Margarena Rodriguez ihr Tischchen aufgebaut. Darauf liegen ein Blutdruckmessgerät und viele Untensilien für Blutzuckertests. Neben dem Tischchen steht eine einfache digitale Personenwaage. Mit einem selbstgeschriebenen Schild an der Wand des historischen Zentralpostamtes hinter sich weist die Krankenschwester auf ihr Angebot hin: Wiegen 200 Pesos, Diabetestest 1500 Pesos - zwei Euro.

Rund zehn Personen testet Margarena am Vormittag. Ihrem Service misst sie doppelte Bedeutung zu: "Für mich ist es Werbung und eine Zusatzeinnahme, für die Menschen ist es ein Beitrag zur Prävention. Sie gehen erst zum Arzt, wenn es schon fast zu spät ist. In der Fußgängerzone sind sie sowieso", sagt Margarena.

Ohne akute Beschwerden geht kein Chilene zum Arzt. Damit er dran kommt, muss er morgens um fünf Uhr dort sein. Um acht Uhr wird geöffnet. Viele stehen am nächsten Tag noch mal an. Wenn sie untersucht werden, dauert es lange, bis die Ergebnisse kommen - wenn sie überhaupt kommen. All das berichten Margarena die Passanten, die ihren Service ohne Wartezeiten in Anspruch nehmen. Hat der gesundheitspolitische Plan AUGE der chilenischen Regierung also nichts gebracht? "Der Plan AUGE funktioniert, weil Patienten mit vielen teuren Krankheiten nun kostenlos behandelt werden. Aber die Versorgung ist schlecht", so die Krankenschwester.

Ende von Wartezeiten und Zuzahlungen für Patienten

AUGE - Acceso Universal con Garantias Explicitas (umfassender Zugang mit ausdrücklichen Garantien) - war das Schlagwort, unter dem die Regierung des sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos ab 2002 eine große Gesundheitsreform entworfen hat. Sie trat 2005 flächendeckend in Kraft und wird bis heute weiterentwickelt.

Mit der Reform sollten Wartezeiten und Zuzahlungen begrenzt werden. Die Regelungen gelten allerdings nur für bestimmte Diagnosen. Dazu hat die Regierung eine Liste von Erkrankungen festgelegt, die seit 2004 beständig erweitert wird. Für die meisten dieser Indikationen soll die Reform auch garantieren, dass die Behandlung innerhalb von zwei Monaten nach der Diagnose durch einen Facharzt erfolgt.

Schöne Theorie? Zumindest für manche Patienten. Im Hospital Barros Luco Trudo in Santiago absolviert die deutsche Medizinstudentin Sarah Schotes ihr Praktisches Jahr in der Chirurgie. Alles in allem findet die 28-Jährige die Bedingungen für PJler im öffentlichen chilenischen Hauptstadt-Krankenhaus angenehmer als in Deutschland. Die Atmosphäre und Hierarchien zwischen Ärzten und Schwestern sind entspannter.

Doch Probleme in der Versorgung bleiben ihr nicht verborgen. Auch wenn die technische Ausstattung der Kliniken hochmodern ist, sind manche Gebäude und Mittel doch veraltet. Geschockt war sie, als sie mitbekommen hat, dass ein Patient mit Hypophysenadenom zwei Jahre auf die Operation warten soll.

Keiner soll länger als ein Jahr auf eine Op warten

Eine der Hauptkritiken am Plan AUGE ist, dass die Liste von Krankheiten zwei Arten von Patienten geschaffen hat: solche mit Garantien und solche ohne. Die Gefahr, dass die Verbesserungen für die einen zulasten der anderen gehen, war absehbar. In Reaktion darauf hat die derzeitige sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet, von Beruf Ärztin, das Reformversprechen erweitert: So soll nun keiner auf eine Operation länger als ein Jahr warten, und ein Termin beim Spezialisten soll innerhalb von 120 Tagen erfolgen.

Leere Versprechungen? Schon jetzt wird kritisiert, dass die Garantien des Plan AUGE mit Blick auf die Wartezeiten nicht eingehalten werden. Die Regierung hat deshalb auch die öffentlichen Investitionen im Gesundheitsbereich deutlich gesteigert. Das Gesundheitsministerium hatte nach Angaben des Wirtschaftsinformationsdienstes "gtai" 2008 ein Budget von rund 3,5 Milliarden Euro.

Rund eine Milliarde floss laut "gtai" in den Bau vier neuer Krankenhäuser, 50 zusätzlicher öffentlicher Centros Comunitarios zur ärztlichen Grundversorgung und in die vertragliche Verpflichtung von 500 Fachärzten zur Behandlung der gesetzlich Versicherten. Auch für 2009 waren die Budgetzuwächse den Angaben zufolge im Gesundheitsbereich deutlich höher als in vielen anderen Politikfeldern. Das Gesundheitsministerium will zudem die Folgen der Reform nun systematisch erheben. Dabei wird es von der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt.

"Das Gesundheitssystem in Chile hat sich in den letzten Jahren verbessert", bilanziert der Allgemeinmediziner Luis Carlos. Vor 26 Jahren hat er sich im nicht gerade reichen Stadtviertel Barrio Franklin in Santiago niedergelassen und seitdem immer dort praktiziert. Luis versteht sich als Haus- und Familienarzt. Fast jeden Patienten fragt er nach dem Befinden der Oma, des Onkels oder der Geschwister, die er ebenfalls behandelt. "Das ist sehr befriedigend", sagt Luis. Rund 100 Patienten behandelt er pro Monat. Davon kann er sich keine großen Sprünge erlauben, aber er ist zufrieden. Sein Eindruck der Reform: "Der Plan AUGE hat Verbesserungen gebracht. Wichtig ist, dass Diabetes und Bluthochdruck enthalten sind, zusätzlich zu schweren Erkrankungen wie Brustkrebs. Aber Wartezeiten gibt es immer noch."

Der Plan AUGE der chilenischen Regierung

Bis 2005 mussten gesetzlich Versicherte in Chile unabhängig vom Einkommen bis zu 20 Prozent der Behandlungskosten zuzahlen. Privat Versicherte erlebten oft böse Überraschungen bei der Höhe ihres Eigenanteils. Der Plan AUGE hat die Eigenbeteiligungen auf zwei Monatseinkommen begrenzt und maximale Wartezeiten festgelegt. Das gilt für eine definierte Liste von Erkrankungen. Sie umfasst von Anfang an Krebserkrankungen und die Volkskrankheiten Diabetes und Bluthochdruck, auch psychische Erkrankungen sind inzwischen dabei. Jetzt stehen 56 Diagnosen auf der Liste, die für 80 Prozent der Krankenhausaufenthalte ursächlich sind. Bis 2010 sollen es insgesamt 80 Krankheiten sein. Für die meisten dieser Erkrankungen verspricht die Reform, dass bei der Behandlung Wartezeiten begrenzt werden sollen. (ami)

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