Ärzte Zeitung, 10.08.2009

"Seufz", "wink", "grübel" - Sprache im Chat

Abkürzungen, Einwortsätze, Strichgesichter. Untersuchungen von Sprachwissenschaftlern zeigen: In Internetchats hat sich ein neues Deutsch entwickelt.

Von Anne-Kathrin Keller

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Chatten macht vor allem vielen jungen Leuten Spaß.

Foto: Imago

KÖLN. "Seufz", "wink" oder "grübel", so etwa heißen die Vokabeln, die Gestik und Mimik simulieren und der Sprache in Comics ähneln. Das Phänomen Chatsprache habe bisher keine Auswirkungen auf die allgemeine Sprache, sagt Dr. Michael Beißwenger vom Institut für Sprache und Literatur der Universität Dortmund. "Die Aktionswörter und Abkürzungen der Chatsprache findet man vor allem in der informellen Internetkommunikation."

Über 100 000 Chatbeiträge hat Beißwenger auf sprachliche Besonderheiten untersucht. Eine einheitliche Chatsprache hat er dabei nicht entdeckt. "Die Chatsprache ist genauso vielfältig wie Sprache allgemein", sagt Beißwenger. Der Anlass bestimme die Ausdrucksform. "Genauso wie man bei einer dienstlichen Besprechung anders spricht als in der Kneipe, variiert die Sprache zwischen Flirtchat und Politikerchat."

Seit 2000 wird im großem Stile gechattet. Das Wort Chat stammt aus dem Englischen und beutet eigentlich plaudern. Der Begriff beschreibt die elektronische Kommunikation von zwei oder mehreren Gesprächspartnern in Echtzeit. Chats sind vielfältig. Sie unterstützen die Bürokommunikation genauso wie sie TV-Ereignisse begleiten. Die bekannteste Form ist der Plauderchat zwischen Freunden. "Hier kommt die Sprache der Alltagssprache sehr nahe", sagt der Chatexperte. Dialekt werde nachgebildet und Wörter wie tja, ehm oder äh verwendet.

Das oberste Prinzip beim Plauderchat: ökonomisch tippen. "Es geht darum, möglichst schnell Beiträge zu produzieren. Dabei spart konsequente Kleinschreibung Zeit, und Tippfehler werden toleriert", sagt Beißwenger. Diesen nachlässigen Umgang mit Sprache bewertet der Sprachwissenschaftler als positiv: "Gut ist in der Sprache immer das, was zum Ziel führt."

Das bekannteste Element des Chats sind die so genannten Emoticons. Das sind Folgen von Satzzeichen wie Punkte und Kommata, die Gefühlszustände ausdrücken sollen. Doppelpunkt, Minus und Klammer bedeuten Lachen, Doppelpunkt, Minus und Sternchen simulieren einen Kuss.

Die Chatsprache bleibt weitgehend auf das Internet beschränkt. Dennoch müsse über das Phänomen diskutiert werden, fordert Beißwenger. "Es ist wichtig, dass der Chatsprachgebrauch an Schulen thematisiert wird." Es solle ein Bewusstsein geschaffen werden, dass sprachliche Mittel vom Kontext abhängen. "Was im Chat zielführend ist, kann in einem anderen Kontext - zum Beispiel bei einer schriftlichen Bewerbung - zum Misserfolg führen", sagt der Sprachwissenschaftler.

Wie die Zukunft des Chats aussieht, bleibt nach seiner Einschätzung abzuwarten. Derzeit verdrängt die Internettelefonie den Chat. Doch Beißwenger ist sich sicher: "Der Chat hat durch seine Schriftform Potenziale, die andere Formen nicht bieten." Dies werde zum Beispiel in Bereichen der psychosozialen Betreuung deutlich. Das anonyme Schreiben nehme die Schwellenangst, und es könnten Menschen erreicht werden, die sich einer direkten Beratung aus Scheu verweigern. "Hier ist die anonyme Kontaktaufnahme, die ein Chat bietet, eine gute Chance." Die psychosoziale Beratung könne eine dauerhafte Nische für den Chat sein, glaubt er.

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