Ärzte Zeitung, 02.02.2010

Gerontologische Pflege - ein Fach mit Zukunft

Einem kinderlosen wohlhabenden Münchner Unternehmerpaar ist es zu verdanken, dass es den ersten Lehrstuhl für "Gerontologische Pflege" in Deutschland gibt. Denn mit Fördermitteln aus der Josef und Luise KraftStiftung kann jetzt nach innovativen Pflegekonzepten für die Zukunft geforscht werden.

Von Jürgen Stoschek

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Immer mehr junge und gut qualifizierte Menschen werden für die Pflege gebraucht. ©Imago

MÜNCHEN. Der erste Lehrstuhl für "Gerontologische Pflege" in Deutschland ist an der Katholischen Stiftungsfachhochschule (KSFH) München errichtet worden. Möglich geworden ist das durch die Förderung der privaten Josef und Luise Kraft-Stiftung.

Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Stiftung zur Finanzierung einer Stiftungsprofessur "Gerontologische Pflege" an der KSFH für die nächsten fünf Jahre insgesamt 500 000 Euro bereitgestellt. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat daraufhin die Stiftungsprofessur in sein Förderprogramm aufgenommen und noch einmal 50 000 Euro dazu gegeben. Zusammen mit der Stiftungsprofessur, auf die Professor Bernd Reuschenbach aus Heidelberg nach München berufen wurde, hat die KSFH auch den bundesweit ersten Studiengang "Pflege dual" mit 57 Studierenden eingerichtet.

Nicht Überalterung, sondern "Unterjüngerung"

Bei einem Festakt der Fachhochschule lobte Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer die Initiative. Dass die sozialen Berufe eine zunehmende Professionalisierung und Akademisierung erfahren, sei gut und richtig, sagte sie. In den kommenden Jahren werde die Zahl der Pflegebedürftigen erheblich steigen, "und das in einer Gesellschaft, in der es immer weniger Junge geben wird", erklärte Haderthauer. "Oben werden es immer mehr und unten immer weniger", sagte die Ministerin mit Blick auf die demografische Entwicklung.

Statt von einer Überalterung der Gesellschaft sollte besser von einer "Unterjüngerung" gesprochen werden, meinte Reuschenbach. "Im Jahr 2050 werden wir es mit Senioren und Seniorinnen zu tun haben, von denen nur noch ein Drittel Kinder und nur noch jeder zweite Enkel haben wird", sagte er. Zugleich werde das Potenzial für Pflegekräfte schrumpfen. Umso wichtiger sei es daher, dass der Beruf der Pflegenden weiter professionalisiert wird.

Neue Karrierechancen für Pflegende

Mit dem neuen Studiengang gebe es für junge Menschen, die sich für einen sozialen Beruf entscheiden, auch Chancen für eine Karriere vom Bachelor über den Master bis zur Promotion oder gar zur Habilitation, betonte Reuschenbach. Ausgebildete Fachkräfte würden in Zukunft nicht nur am Kranken- und Pflegebett gebraucht. Auch die Beratung und das Casemanagement mit Lotsenfunktion werde in diesem Bereich zunehmend an Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus benötige die Pflege ein wissenschaftliches Fundament, damit sich auch die Versorgungsqualität verbessere, erklärte Reuschenbach.

Einzelschicksale bislang im Fokus der Stiftung

Die Josef und Luise Kraft-Stiftung hat sich in den vergangenen Jahren vor allem um die Förderung mittelloser und hilfsbedürftiger alter Menschen gekümmert, berichtete Stiftungsvorstand Dr. Harald Mosler. Die Stiftung entstand Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, nachdem Josef Kraft, Inhaber eines alteingesessenen mittelständischen Münchner Baustoffunternehmens, kinderlos gestorben war. Kraft hatte in seinem Testament verfügt, dass das Unternehmen in eine gemeinnützige Stiftung überführt werden sollte. Heute ist die Stiftung alleinige Gesellschafterin der Kraft Baustoff GmbH, zu der inzwischen fünf weitere Unternehmen gehören.

Bisher habe die Josef und Luise Kraft-Stiftung insgesamt acht Millionen Euro zur Unterstützung zahlloser Einzelschicksale ausgegeben, berichtete Mosler. Im vergangenen Jahr haben Stiftungsrat und Stiftungsvorstand zwei besondere Förderprojekte beschlossen, von denen eines die Errichtung der Stiftungsprofessur im Bereich "Gerontologische Pflege mit den Schwerpunkten Forschung und Qualitätsentwicklung" ist, berichtete Mosler.

Alte Menschen empfangen nicht nur, sie geben auch

Das zweite Förderprojekt ist die Initiative "Starke Senioren helfen Kindern". Zusammen mit dem Verein "brotZeit" organisiert die Stiftung an 13 Grundschulen in München für rund 800 Kinder jeden Tag ein Frühstück in der Schule. Etwa 60 ältere Frauen und Männer sorgen dafür, dass Kinder, die zu Hause kein Frühstück bekommen, in der Schule regelmäßig vor dem Unterrichtsbeginn essen können. Gegründet wurde der Verein brotZeit von der Schauspielerin Uschi Glas und ihrem Ehemann Dieter Hermann.

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