Ärzte Zeitung, 21.10.2010
 

Nachdenkliche Akzente über die Freiheit

Wer ist in Wahrheit der größte Umweltverschmutzer und welcher Anti-Raucher-Spot wäre sinnvoll? Antworten darauf gibt Wissenschaftskabarettist Vince Ebert in seinem neuen Programm.

Von Pete Smith

FRANKFURT. "Der Mensch kann, was er will, er kann aber nicht wollen, was er will", formulierte Arthur Schopenhauer in seiner berühmten Schrift "Die Welt als Wille und Vorstellung". Vince Ebert, Bruder im Geiste, spürt diesem Gedanken nach: "Freiheit ist alles" betitelt der Frankfurter Wissenschaftskabarettist sein neues Programm, das in Frankfurt am Main Uraufführung hatte und mit dem Ebert bis Oktober 2011 durch Deutschland tourt.

Nachdenkliche Akzente über die Freiheit

Überall Verbote - bis die Freiheit kommt: Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert stellt sein neues Programm vor.

© smi

Im hellen Anzug betritt er die Bühne, wie einst John Travolta in "Saturday Night Fever", dem er im Laufe des Abends noch huldigen wird, aber dazu später. Noch gibt David Hasselhoff mit seinem als Freiheitshymne missverstandenen Gassenhauer "Looking for Freedom" den Ton vor. Der alkoholkranke "Baywatch"-Star ist für Vince Ebert denn auch sein erster Zeuge dafür, wohin falsch verstandene Freiheit führen mag. "Er hat die Freiheit gesucht und die Sucht gefunden", bringt es der Kabarettist auf den Punkt und schlägt damit den Ton an, der sein weiteres Programm bestimmt.

Natürlich wird an diesem Abend ausgiebig gelacht - aber nicht nur. Immer wieder setzt Ebert in seinen Gedanken über die Freiheit auch nachdenkliche Akzente. Geleitet von der Frage, wie frei der Mensch denn tatsächlich sei und sein möchte, präsentiert er seinem Publikum eine Fülle von wissenschaftlichen Erkenntnissen, aus denen er überraschende Pointen herleitet. Das unterscheidet Eberts Programm vom herkömmlichen Kabarett: Statt sich mit seinen Zuschauern zu verbrüdern, um die immergleichen Pappkameraden abzuschießen, bringt er sie dazu, über sich selbst nachzudenken - auf spaßige und intelligente Weise.

So erfährt das Publikum einiges, was es vorher nicht gewusst hat: etwa dass weder die Industrie noch der Verkehr, sondern vielmehr die Landwirtschaft (durch ihren Düngereinsatz) hierzulande der größte Umweltverschmutzer ist (weshalb immer mehr Wildtiere vom Land in die Städte ziehen); oder dass der Himmel heißer ist als die Hölle (was der Physiker Ebert mythologisch-mathematisch herleitet); und dass gerade freiheitsliebende Menschen am häufigsten zur Zigarette greifen, mit der Folge, dass sie süchtig, ergo unfrei werden. Eberts Conclusio: Ein Anti-Raucher-Spot sollte uncoole Politiker wie Rainer Brüderle oder Norbert Röttgen in Szene setzen oder am besten gleich Angela Merkel im roten Hosenanzug, die eine Kippe rauchend auf dem Pferd gen Sonnenuntergang reitet…

Vince Ebert wurde 1968 im Odenwald geboren. Er hat in Würzburg Physik studiert und vor 15 Jahren sein Diplom erworben. Danach arbeitete er zunächst in einer Unternehmensberatung sowie in der Marktforschung, bevor er 1998 seine Karriere als Kabarettist begann. Seither hat er fünf Soloprogramme verfasst. Neben Dr. Eckart von Hirschhausen, der auch sein Regisseur ist, ist Ebert inzwischen Deutschlands bekanntester Wissenschaftskabarettist. 2008 erschien sein erstes Buch "Denken Sie selbst! Sonst tun es andere für Sie", das sich bis heute mehr als 330 000 Mal verkauft hat.

Ob freie Presse, freie Wahlen, freie Marktwirtschaft oder freie Liebe - im Laufe des Abends kommen unterschiedlichste Aspekte der Freiheit zur Sprache. Am wichtigsten indes ist Ebert die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst. Da wird der Kabarettist für einige Momente sogar ernst. Mit Blick auf den Karikaturenstreit mahnt er zu mehr Mut, um die Freiheit auch gegen religiöse Eiferer zu verteidigen. Das schließe das öffentliche Bekenntnis für verfolgte Künstler wie den britischen Schriftsteller Salman Rushdie und den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard ein. Um es mit Rosa Luxemburg zu sagen "Freiheit ist immer nur die Freiheit der anders Denkenden."

Kabarettisten haben Narrenfreiheit, weshalb Vince Ebert sogar einen vermeintlichen Frevel begeht: Vor den Augen seiner Zuschauer verbrennt er einen echten 50-Euro-Schein - nein, nicht um herauszufinden, ob ihn der Verlust des Geldes wirklich frei macht, sondern um ein weit verbreitetes Denkverbot zu überwinden. Denn dies sei schließlich die größte Errungenschaft unserer Kultur und die Voraussetzung der Freiheit - Denkverbote außer Kraft zu setzen.

Ach ja, getanzt hat Vince Ebert am Ende auch noch, zur Veranschaulichung einer Studie zum Balzverhalten der Männer. Frei sah das nicht aus, aber durchaus gekonnt.

Das Tourprogramm bis Oktober 2011 unter www.vince-ebert.de

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