Ärzte Zeitung, 07.11.2010

Auf der ewigen Suche nach dem Jungbrunnen

Zukunftsforscher sind überzeugt: Gesundheit ist und bleibt ein Megatrend. Von der Cyberchondrie über "Health-To-Go" bis zu Fitnessübungen auf dem Smartphone - den Arzt machen diese Trends nicht überflüssig.

Von Sabine Schiner

Auf der ewigen Suche nach dem Jungbrunnen

Wie bleibt der Mensch jung, gesund und schön? Gesundheit bleibt auch in Zukunft ein Megatrend - ohne den Arzt überflüssig zu machen.

© INSADCO / imago

KELKHEIM. Gesundheit ist ein Megatrend, der in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine große Rolle spielen wird. Auf Ärzte, da sind sich die Zukunftsforscher sicher, werden einige Veränderungen zukommen.

Das Zukunftsinstitut in Kelkheim ist 1998 von Matthias Horx gegründet worden. Seine Mitarbeiter beschäftigen sich mit den Veränderungen der Gegenwart und suchen nach Antworten für die Zukunft. Ein solcher Trendforscher ist Andreas Steinle.

"Die Medizin wird ganzheitlicher", sagt der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Patienten verlangten zunehmend von Ärzten, dass sie nicht im Fünf-Minuten-Takt durchs Sprechzimmer geschleust werden, sondern dass sich Ärzte Zeit für ausführliche Gespräche nehmen.

Zur Ganzheitlichkeit gehören für Steinle auch neue Therapiekonzepte. Als Beispiel führt er den Orthopädie-Konzern Biomet in Berlin an: Das Unternehmen hat ein Pflegemanagement-Programm für Patienten entwickelt, die einen Hüft- oder Kniegelenkersatz bekommen.

Nach der OP werden die Patienten in kleine Gruppen eingeteilt. Sie absolvieren die Reha gemeinsam, damit sie sich gegenseitig unterstützen und moralischen Beistand leisten können. "Auch die Angehörigen werden in die Therapie mit einbezogen", sagt Steinle.

Das Internet provoziert hypochondrische Tendenzen

Gravierend seien auch die Folgen des Internets für das Arzt-Patienten-Verhältnis. Auf den diversen Gesundheitsseiten verschafften sich immer mehr Menschen Zugang zu medizinischen Informationen - um beim nächsten Check-up-Termin ihren Arzt darauf anzusprechen.

"Gut informierte Patienten haben einen höheren Kommunikationsbedarf und wollen sich in den Heilungsprozess einbringen", sagt der 40 Jahre alte Trendforscher. Mediziner in Praxen und Kliniken kämen nicht umhin, sich mit diesem "Riesen-Bedürfnis an Kommunikation" auseinanderzusetzen.

Ein anderer Trend, der derzeit in die Arztpraxen schwappt, ist die Cyberchondrie: "Das ist ein Zustand, bei dem durch Infos aus dem Internet hypochondrische Tendenzen ausgelöst oder verstärkt werden", erklärt Steinle. Medizinische Infos zu Krankheiten könnten bei Nicht-Medizinern Ängste schüren, die sich zu einer ausgewachsenen Hypochondrie mit psychischen und physischen Symptomen auswachsen könne.

"Gesunterhaltung" ist ein Mikrotrend

Steinle unterscheidet zwischen Megatrends und den kleineren und kurzfristigeren Mikrotrends. "Health-To-Go" (Gesundheit zum Mitnehmen) ist so ein Beispiel. "Da wird Gesundheit zum Lebensstil", so Steinle. Menschen wollten heute überall und zu jeder Zeit ihr ganz persönliches Wohlfühlerlebnis haben. Dazu gehöre, Stützstrümpfe im Flieger zu tragen oder sich, via Smartphone, Fitnesstipps abzurufen.

Unter den tausenden Apps - mit dieser Kurzform des Wortes "Application" bezeichnet man kleine Anwendungsprogramme für so genannten Smartphones - gibt es zunehmend auch Programme aus dem Gesundheitsbereich: Körperfettrechner, Pulsmesser, Hörtests.

Es gibt Apps, die Infos zu Arzneimitteln bieten und Apps, die über allergene Stoffe in Lebensmitteln aufklären. Ein weiterer Mikrotrend ist laut Steinle die "Gesunterhaltung": Das Wort setzt sich aus Gesundheit und Unterhaltung zusammen. "Jemand erklärt unterhaltsam die Welt", sagt Steinle. Der Medizin-Kabarettist Eckart von Hirschhausen sei ein gutes Beispiel. Basis seines Erfolgs sei, dass jeder seine Botschaften versteht.

Die lange Suche nach dem Geheimnis von Krankheit

"Die Faszination an diesen Trends hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass wir uns vom Industrie- zum Wissenszeitalter entwickeln", sagt Steinle. Immer mehr Menschen handelten mit Wissen. Hinzu komme, dass der menschliche Körper die Menschen schon immer fasziniert hat. "Da geschehen kleine Wunder."

Der Antrieb aller Gesundheitstrends sei letztlich aber die Suche nach dem Jungbrunnen. "Jede Beschäftigung mit Krankheit ist ein Versuch, diesem Geheimnis nahe zu kommen." Damit konnte man auch schon immer viel Geld verdienen.

Das ist heute nicht anders: Allein im E-Health-Sektor rechnen die Finanzexperten der EU mit jährlich etwa elf Prozent Wachstum. Ein Markt, der sich nicht nur an Alte und Kranke wendet, sondern auch an die Gesunden und Jungen.

Auf keinen Fall, so Steinle, werden Ärzte künftig überflüssig werden. "Es gilt das Prinzip aus der Wissenschaft: Je mehr ich weiß, desto mehr möchte ich wissen." Zudem bräuchten Menschen einen verlässlichen Wegweiser durch die Info-Flut.

Im Internet gebe es beispielsweise Tipps, in welchem Reiseland man sich vor welchen Krankheiten schützen sollte. "Ich stelle auf solchen Portalen als Laie aber auch schnell fest, wie komplex die Informationen sind." Dann brauche man dringend jemanden, der das übersetzt: den Arzt.

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