Ärzte Zeitung, 07.12.2010

Auf den Spuren nonverbaler Kommunikation

Die Besucher im Frankfurter Museum für Kommunikation setzen sich zunächst schalldichte Kopfhörer auf - dann kann er beginnen: der "Dialog in der Stille".

Von Pete Smith

Auf den Spuren nonverbaler Kommunikation

Tanzende Hände: Gruppenerlebnis in einer Welt der Stille - mit Menschen, die sich erst wenige Minuten vorher kennengelernt haben.

© Irina Zirkuschka

FRANKFURT/MAIN. Keine Geräusche, keine Klänge, keine Stimmen - wer dieser Tage das Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main besucht, taucht ein in eine Welt der Stille. Irritierend ist das für den an Lärm gewohnten Städter, für die Initiatoren der Ausstellung ist es ein einzigartiges Experiment: ein einstündiger "Dialog im Stillen".

Sandra empfängt die Besucher am Eingang der Ausstellung. Wortlos fordert sie sie auf, sich einen schalldichten Kopfhörer aufzusetzen und ihr in die Stille zu folgen. Hier sind gesprochene Worte tabu, ebenso wie Klatschen oder Fingerschnipsen oder andere Geräusche, mit denen man sich normalerweise Aufmerksamkeit verschafft.

Auf den Spuren nonverbaler Kommunikation

Botschaften werden mit den Händen kommuniziert.

© Lutz Kampert

Fünf Stationen hat der Erlebnisparcours, jede versehen mit einem Namen. "Tanz der Hände" ist der Titel der ersten Station. Die Besucher stehen um einen weißen Tisch herum, der von oben beleuchtet wird. Sandra fordert sie gestenreich auf, mit ihren Fingern Figuren zu erfinden, Schattenspiele, durch die die Nachbarn miteinander in Kontakt treten, eine erste Annäherung an eine nonverbale Kommunikation, die in einem gemeinsamen Schattenbild aller zwölf Teilnehmer endet.

Dem "Tanz der Hände" folgt die "Galerie der Gesichter". Wieder stehen die Besucher im Kreis, jeder vor einem beleuchteten Rahmen, und versuchen nach Sandras Anleitung verschiedenen Stimmungen mimisch Ausdruck zu verleihen. Erstaunlich, wie schnell sich die einander fremden Gruppenteilnehmer auch ohne Worte verstehen.

Im "Forum der Figuren" gilt es, sich durch Körper- und Gebärdensprache auszudrücken. Sandra gibt Wörter vor, die Gemütszustände wie Wut oder Trauer beschreiben und die man durch Pantomime erklären soll. Das erfordert Mut, aber wer sich in eine Welt ohne Worte begibt, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als sich auf diese Weise verständlich zu machen.

Die vierte Station, das "Spiel der Zeichen", setzt auf Gruppendynamik. Zwei Teams treten gegeneinander an. Bildtafeln müssen erinnert und mit passenden Gesten bezeichnet werden. Das verlangt ein gutes Gedächtnis, auf das Gehörlose im Alltag angewiesen sind. Der nonverbale Austausch über die richtige Lösung bringt die Teammitglieder noch näher zusammen und hilft darüber hinaus dem Einzelnen, auch die letzten Hürden zu überwinden.

Schließlich führt Sandra ihre Besucher in die "Spür-Bar", wo sie die zuvor erlernten Gesten und Ausdrucksformen erproben können. Zustimmung, Lob, Dank oder Freude - das lässt sich auch ohne Worte ausdrücken. Selbst eine kurze Unterhaltung ist auf diese Weise möglich - das hätte sich vor einer Stunde wohl niemand der Teilnehmer zugetraut.

Die Erlebnisführung endet mit einem Abschlussgespräch, bei dem ein Gebärdendolmetscher die Fragen der Besucher und Sandras Antworten übersetzt. Sandra, so erfahren die Besucher, ist seit ihrer Geburt gehörlos, ebenso wie ihre Eltern und ihre Brüder.

Sie ist gelernte Bauzeichnerin und davon überzeugt, dass Gehörlose inzwischen jeden Beruf erlernen können, ausgenommen vielleicht den Pilotenberuf, da die Cockpits noch nicht mit Monitoren ausgestattet sind, die zwischen Worten und Gebärden vermitteln.

Die Idee zur Ausstellung "Dialog im Stillen" hat Dr. Andreas Heinecke entwickelt, der mit seiner auf die Erfahrungswelt Blinder zielenden Konzeption "Dialog im Dunkeln" weltweit Erfolge feierte. Jene ist inzwischen zu einer festen Institution geworden, etwa als Dialogmuseum in Frankfurt am Main. Nicht ausgeschlossen also, dass es irgendwann auch eine Dauereinrichtung "Dialog im Stillen" gibt.

Die Ausstellung "Dialog im Stillen" ist noch bis zum 28. Februar 2011 im Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, in Frankfurt am Main zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von neun bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von elf bis 19 Uhr.

Zu den einstündigen Erlebnis-Führungen sollte man sich vorher anmelden: Telefon 069-6060499 oder E-Mail dialog-im-stillen@mspt.de

www.mfk-frankfurt.de

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