Ärzte Zeitung, 01.03.2011

Spinner oder genialer Anthroposoph?

Kaum ein anderer Geisteswissenschaftler der Neuzeit hat die Menschen so polarisiert wie der Begründer der Anthroposophie, Rudolph Steiner, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Von Pete Smith

Spinner oder genialer Anthroposoph?

Hat bis heute viele Anhänger und viele Kritiker: Dr. Rudolf Steiner begründete 1913 die Anthroposophische Gesellschaft.

© dpa

Waldorfpädagogen, anthroposophische Ärzte und Arzneihersteller, Bauern, Architekten, Künstler - sie alle berufen sich auf Rudolf Steiner. Während ihn weltweit Hunderttausende Anhänger verehren, sehen andere in dem vor 150 Jahren geborenen Philosophen und Esoteriker einen Spinner oder Scharlatan.

Rudolf Joseph Lorenz Steiner wurde am 27. Februar 1861 in Kraljevec im Norden Kroatiens geboren. Er besuchte die Realschule und erhielt nach dem Abschluss ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, an der Technischen Hochschule in Wien Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren. Als Gasthörer besuchte er auch Lehrveranstaltungen an der Universität Wien, wo es ihm vor allem die Philosophie, Literatur und Geschichte angetan hatten.

Nach seinem Studium trat Steiner als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes sowie der Werke Arthur Schopenhauers und Jean Pauls in Erscheinung. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich zu jener Zeit als Erzieher und Hauslehrer.

1891 reichte er an der Universität Rostock unter dem Titel "Die Grundfrage der Erkenntnistheorie" seine Dissertation ein und wurde mit der Note "rite" (ausreichend) zum Dr. phil. promoviert. 1894 erschien sein Hauptwerk "Philosophie der Freiheit". Als seine Weltanschauung bezeichnet er den Monismus, die Vorstellung von einer einzigen Welt und einem einzigen Grundprinzip. Steiner strebte eine akademische Laufbahn an, doch der Versuch, sich 1894 zu habilitieren, scheiterte.

Um die Jahrhundertwende herum bekehrte sich der bis dahin bekennende Materialist, Freiheitskämpfer und Atheist zum Spiritualisten. 1902 wählte ihn die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft zu ihrem Vorsitzenden.

Jene Gesellschaft vertrat eine okkultische, esoterische Weltanschauung und strebte die Bildung einer universalen Bruderschaft an. Steiner trat innerhalb der Gesellschaft vor allem als Redner auf. Bis zu seinem Tod hielt er etwa 6000 Vorträge. In seinem 1904 erschienenen Buch "Theosophie - Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung" begründete er seine Lehre und legte dar, wie man mit Hilfe von Meditation zur Selbsterkenntnis gelangt.

Als die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft 1913 im Streit aufgelöst wurde, nahm die neu gegründete Anthroposophische Gesellschaft deren Stelle ein. Steiner wurde zum Ehrenpräsidenten der Gesellschaft gewählt und entwarf das so genannte Goetheanum in Dornach bei Basel, das ab 1920 zum Zentrum der Gesellschaft wurde.

Steiner bezeichnete die Anthroposophie nun als Geisteswissenschaft und grenzte sich damit bewusst von den esoterischen Geheimlehren ab. Die Anthroposophie entfaltete ihre Wirkung auf die Pädagogik, die Medizin, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Architektur, auf Tanz und Schauspiel.

Heute berufen sich weltweit 1000 Waldorfschulen auf Steiners Lehre. Anthroposophische Ärzte, Sozialreformer, der Demeter-Verband und weltweit viele Künstler sehen sich in Tradition seines Wirkens.

Dabei war Steiner schon zu Lebzeiten höchst umstritten und ist es bis heute geblieben. Kurt Tucholsky nannte ihn den "Jesus Christus des kleinen Mannes", Hermann Hesse galt er als "krampfhafter Magier und überanstrengter Willensmensch".

Am 30. März 1925 starb Rudolf Steiner in Dornach. Über die Todesursache wird bis heute spekuliert.

Ausstellungstipp

Ein Werk von Tony Cragg mit dem Titel "Red Figure":

Zum 150. Geburtstag Rudolf Steiners beleuchtet das Kunstmuseum Stuttgart erstmals die kulturgeschichtliche Bedeutung des Reformers und seinen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst.

www.kunstmuseum-stuttgart.de

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