Ärzte Zeitung, 18.04.2011

Vorsorge beim Pädiater mit "Kultur-Spritze"

Mangelnde Bildung führt oft zu Entwicklungsstörungen bei Kindern. Um Jugendliche aus sozial schwachen Familien kulturelle Bildung zu ermöglichen, gibt es in Düsseldorf nach der Teilnahme an der U 10, U 11 und J1-Untersuchung einen Theatergutschein.

Von Friederike Krieger

Vorsorge beim Pädiater mit "Kultur-Spritze"

Initiatoren, Förderer und die Schauspieler des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf setzten sich für Prävention ein.

© Krieger

DÜSSELDORF. In Düsseldorf erhalten Kinder und Jugendliche Theatergutscheine, wenn sie spezielle Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen. Das "Theater auf Rezept" soll es mit Unterstützung der Siemens BKK (SBK) auch bald in anderen deutschen Städten geben.

"Bildung ist für ein gesundes Heranwachsen extrem wichtig", sagt Dr. Hermann-Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Nordrhein, der das Projekt "Kultur-Spritze" mit ins Leben gerufen hat. In Deutschland existiere ein gutes medizinisches Kinder-Vorsorgesystem, das im internationalen Vergleich zu den besten gehöre.

"Der ärztliche Auftrag, die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen zu erhalten und zu verbessern, stößt aber in den letzten Jahren zunehmend auf neue Herausforderungen", sagt er. Den Kinderärzten falle immer häufiger auf, dass mangelnde Bildung bei Schulkindern emotionale und kognitive Defizite hätten, die zu Entwicklungsstörungen führen.

"Musik und Theater sind wichtig für die Entwicklung", sagt Dr. Michael Strahl, HNO-Arzt aus Düsseldorf und Mitbegründer des Projekts. So begünstige etwa ein langer Ausfall des Musikunterrichts zentrale Fehlhörigkeit bei Kindern.

Durch die Gutscheine, die Düsseldorfer Kinderärzte nach den Vorsorgeuntersuchungen U10, U11 und J1 aushändigen, wollen sie vor allem Kindern aus bildungsfernen Schichten die Möglichkeit für einen Theaterbesuch eröffnen. Sie gelten für eine Vorstellung im Jungen Schauspielhaus Düsseldorf. Die Schirmherrschaft für das Projekt hat der Sänger Peter Maffay übernommen.

Im ersten Jahr des seit September 2009 laufenden Projekts haben die Düsseldorfer Kinder- und Jugendärzte rund 15.000 Gutscheine verteilt. Eingelöst wurden davon bisher allerdings nur rund 500.

Mit Hilfe der SBK soll das Projekt nach und nach auf weitere deutsche Städte wie Berlin, München Frankfurt und Hamburg ausgeweitet werden. Die SBK unterstützt die "Kultur-Spritze" über die Stiftung "Kinder und Jugend" des BVKJ finanziell und hilft auch bei der Organisation.

"In den Städten, in denen wir präsent sind, sprechen wir Pädiater sowie Theater auf eine mögliche Teilnahme an dem Projekt an", sagt Ralph Mühlenberg, Regionalgeschäftsführer der SBK.

Die Kasse erhofft sich dadurch eine bessere Resonanz auf die Vorsorgeuntersuchungen. "Die U-Untersuchungen sind besonders wichtig für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen", sagt Mühlenberg.

Während die Untersuchungen, die in den ersten Lebensjahren des Kindes anstehen, relativ intensiv wahrgenommen werden, sind U10 (7. bis 8. Lebensjahr), U11 (9. bis 10. Lebensjahr) und J1 (12. bis 14. Lebensjahr) nicht gut besucht.

Ein Grund: U10 und U11 werden in der Regel nicht von der Kasse übernommen. "Um die Motivation zu steigern, bezahlen wir sie trotzdem", sagt Mühlenberg. Von den Theatergutscheinen erhofft er sich zusätzliche Anreize. In Düsseldorf scheint es zu funktionieren: "Kinder sprechen die Ärzte inzwischen oft auf die Gutscheine an", sagt Kahl vom BVKJ.

In Berlin wird es voraussichtlich ab Sommer 2011 "Theater auf Rezept" geben. "Die Resonanz der Ärzte dort war riesig", sagt Stefan Fischer-Fels, künstlerischer Leiter des Jungen Schauspielhauses in Düsseldorf. Er wechselt bald zum Berliner Grips-Theater und hat schon mal Kontakt zu den örtlichen Medizinern aufgenommen.

Auch in Konstanz soll das Projekt bald starten. Darüber hinaus gibt es rund zehn weitere Anfragen von Ärzten und Theatern, die an dem Projekt teilnehmen möchten.

Interessierte Ärzte, die bei der "Kultur-Spritze" mitmachen wollen, können sich bei theateraufrezept@gmx.de melden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Engagement, das Früchte trägt

Jungen Menschen fehlt es an Gespür für ehrenamtliches Engagement? Ein Vorurteil, wie sich bei der Springer Medizin Gala gezeigt hat. Deutlich wurde auch, dass Engagement für Hilfsbedürftige auch den Sinn für das Politische schärft. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »