Ärzte Zeitung, 07.09.2012

Landschaftsverband Rheinland

"Gefangene Geheimnisse" im Maßregelvollzug

KÖLN (tau). Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) will mit einem Kunstprojekt Patienten im Maßregelvollzug ein Gesicht geben. 13 forensische Patienten der Klinik Bedburg-Hau haben sich für das Projekt von der Künstlerin Cony Theis porträtieren lassen.

Die Porträts wurden anlässlich der 100-Jahr-Feier der Klinik im Juni 2012 erstmals gezeigt. 2013 oder 2014 sollen sie im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu sehen sein.

Im Maßregelvollzug sind Straftäter untergebracht, die seelisch schwer erkrankt sind oder deren Vergehen im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung stehen. Anders als in normalen Gefängnissen ist die Therapierung der Insassen ein zentrales Ziel.

Neuauflage in weiteren Kliniken denkbar

Das Kunstprojekt "Gefangene Geheimnisse" zielt vor allem darauf ab, die starken Vorurteile der Bevölkerung abzubauen.

Nach den Erfahrungen an der Klinik Bedburg-Hau denken die Verantwortlichen des LVR über eine Neuauflage des Projekts in weiteren Kliniken nach.

Das fassbare Ergebnis des Projekts sind sogenannte dialogische Porträts. Die einzelnen Werke haben neben dem Abbild des Gesichts als Grundfläche in sechseckiger Form eine Tiefendimension: An jeder der sechs Seiten sitzt eine hölzerne Platte auf. Diese sechs Platten konnten die Patienten frei gestalten.

Einige verewigten die Form ihrer Hände, andere schrieben einen Text auf. So entstanden 13 Holzkonstruktionen in Wabenform, die beliebig aneinander gesetzt werden können.

"Es ging vor allem darum, einen Weg zu finden, wie sich die Patienten öffentlich zeigen können", erklärte die Kölner Künstlerin Cony Theis, die seit vielen Jahren als Gerichtszeichnerin arbeitet.

Das sei eine Chance für die Patienten, die üblicherweise keine Berührungspunkte mit Menschen außerhalb der Klinik hätten.

"Kunstprojekt hat eine starke therapeutische Wirkung"

Theis reiste für zwei Wochen nach Bedburg-Hau, um mit den Patienten zu malen und zu experimentieren. Außerdem traf sie die Teilnehmer für die Porträtierung in Einzelsitzungen.Die Wabenkonstruktion symbolisiere eine Innenwelt, die über eine Öffnung eine Verbindung nach außen besitzt, erklärte Theis.

Die Konstruktion erfordere körperliche Annäherung und einen besonderen Blick. "Man muss ja schon fast den Kopf hineinstecken, um alles sehen zu können", sagte Theis.

Das Kunstprojekt ist auch aus therapeutischer Sicht erfolgreich, sagte Dr. Dietmar Pfaff, Chefarzt der forensischen Abteilung IV in Bedburg-Hau. "Über das Kunstprojekt symbolisieren die Patienten ihre Problematik", erklärte er. "Sie sind sozusagen im Dialog mit der Künstlerin und dem eigenen Porträt", sagte er.

Dieses Nachdenken sei wichtig: "Die Problematik bei forensischen Patienten ist ja, dass ohne Nachdenken gehandelt wird."

Außerdem beobachtet Pfaff bei den Teilnehmern eine Verbesserung des Selbstwertgefühls. "Das Kunstprojekt hat eine starke therapeutische Wirkung, auch ohne dass das Etikett Therapie draufsteht."

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