Ärzte Zeitung, 11.07.2013

TV-Kritik

Ein Skandal mit mutigen Ärzten?

Die TV-Reportage "Hauptsache unters Messer" am Mittwochabend im MDR hat dubiose Vorgänge an einer Klinik in Sachsen-Anhalt thematisiert. Diese seien symptomatisch für das deutsche Gesundheitswesen. Doch der Fall zeigt: So einfach ist es nicht.

Von Thomas Trappe

Ein Skandal mit mutigen Ärzten?

Exakt-Moderatorin Annett Glatz leitet die Reportage "Hauptsache unters Messer" ein: "Nicht jede Diagnose ist richtig."

© ths, Screenshot

LEIPZIG. Die Stimme aus dem Off lässt keinen Zweifel. "Es wird operiert auf Teufel komm raus", heißt es einleitend.

Am Mittwochabend widmete der MDR sein Investigativ-Format "Exakt - Die Story" Vorgängen in der Altmark-Klinik in Gardelegen, einer kommunalen Einrichtung.

Hier gibt es den Verdacht, dass es im vergangenen Jahr zu Unregelmäßigkeiten bei Rücken-Op gekommen sein soll.

Von mehr als 60 Fällen ist in der Reportage die Rede, in denen gegen die Empfehlungen von Radiologen Patienten operiert worden seien. Angeblich mit gravierenden Folgen und mindestens einem Toten.

Gut-Böse-Schema

Ein Kriminalfall - oder doch nur ein weiteres Indiz dafür, dass in deutschen Kliniken Umsatz- und Fallzahlen inzwischen über dem Wohl der Patienten stehen? Die Autoren der Reportage setzen auf das Gut-Böse-Schema.

Die einen "Ärzte opfern ihre Patienten", und ein paar Mutige, "die anderen", decken diese Machenschaften auf, heißt es. Das klingt eingängig - ist aber leider auch etwas unterkomplex.

Im vergangenen Frühjahr fielen laut Reportage Chefarzt Dr. Bernd Falkenberg Unregelmäßigkeiten bei einem Kollegen auf. Ein Gastarzt aus Berlin war für die Operationen, die laut MDR inzwischen Inhalt staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen sind, verantwortlich.

Nur: Der Arzt hat laut Reportage offenbar operiert, obwohl radiologische Befunde eindeutig dagegen sprachen. Der Arzt sei mit einiger krimineller Energie ans Werk gegangen, so die Autoren der Reportage weiter. Die Gründe seien noch unbekannt.

Aber eines ist klar: Der Gastarzt aus Berlin taugt nicht als Symbol eines kaputten Systems. Denn seine Kollegen beendeten sein Tun mit beeindruckender Verve. Zeigten also, dass sie sich den Patienten verpflichtet fühlen.

Medizin-Skandal vielleicht - mehr nicht

Nicht nur der Chefarzt Falkenberg, auch sechs Kollegen, die meisten von ihnen Oberärzte, hätten in einem Schreiben die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat über die nach ihrer Sicht "schweren und gefährlichen Körperverletzungen" ihres Berliner Kollegen informiert. Was dann folgte, sei der eigentliche Skandal.

Die Geschäftsführung habe den Arzt weiter beschäftigt, dafür den Chefarzt beurlaubt. Dieser wolle der Klinik bewusst schaden, habe die Klinik zur Begründung geschrieben.

Heute wisse man, dass die Geschäftsführung der Klinik sich irrte und in eine heillose Abwiegelungs-Sackgasse gefahren sei, so der MDR. Das alles ist vielleicht ein Medizin-Skandal. Aber eines sind die Vorgänge in Gardelegen nicht: ein Beleg dafür, dass Ärzten das Gewissen abhanden kommt.

Das Gegenteil ist an der Altmark-Klinik der Fall. Auch wenn man das erst auf den zweiten Blick erkennen mag.

Zur Reportage auf der Webseite des MDR!

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Erhöhtes Krebsrisiko durch Kuhmilch und Rindfleisch?

Forscher sind krebsauslösenden Agenzien auf der Spur, die in Milch und Rindfleisch stecken. Sie sind dadurch wohl auch auf den Grund gestoßen, warum Stillen das Krebsrisiko senkt. mehr »

Homöopathie-Ausschluss für CME-Punkte?

Werden in Berlin künftig keine CME-Punkte mehr für Fortbildungsveranstaltungen zur Homöopathie vergeben? Die Diskussion darüber läuft noch. mehr »

Dort, wo die Folgekoloskopie nötig ist, erfolgt sie oft nicht

Bei der Nachsorge von Patienten nach Screening-Koloskopien besteht eine erhebliche Über- und Unterdiagnostik - je nach Adenomtyp, so Daten der KolosSal-Studie. mehr »