Ärzte Zeitung, 30.04.2014

Tag gegen den Lärm

In jedem OP lärmt ein Rasenmäher

Krach stört nicht nur im Wohngebiet: Wird im OP der Lärm reduziert, sinkt die Komplikationsrate erheblich. Anlässlich des "Tages gegen den Lärm" heißt der Appell: Mehr Ruhe, bitte!

Von Christian Beneker

In jedem OP lärmt ein Rasenmäher

Wenn OP-Besteck in Metallschüsseln geworfen wird, steigt der Geräuschpegel kurzzeitig auf 100 Dezibel.

© Klaus Rose / dpa

Ruhe, bitte! In Westeuropa führt der Verkehrslärm jährlich zu einem Verlust von einer Million gesunden Lebensjahren, sei es durch Erkrankung, Behinderung oder vorzeitigen Tod. Dieses alarmierende Ergebnis veröffentlichte das WHO-Europa-Büro Kopenhagen bereits im Jahr 2011.

"Lärm verursacht nicht nur Belästigung und Unterbrechung des Schlafs, sondern auch Herzinfarkte, Lernstörungen und Tinnitus", so die WHO.

Auf der Liste der die Krankheitslast vergrößernden Umweltfaktoren stehe Umweltlärm nach Luftverschmutzung an zweiter Stelle. Jeder dritte Bürger fühle sich tagsüber durch Lärm belästigt und jeder fünfte wird im Schlaf durch Straßen-, Schienen- und/oder Flugverkehr gestört, so die Studie.

Längst ist Lärm zu einer der Hauptbelastungen überhaupt geworden. Darum ruft die Deutsche Gesellschaft für Akustik (DEGA) für den heutigen "Tag gegen den Lärm" auf.

Die Gemeinsamkeit von OP und Motor-Rasenmäher

Das große "Ruhe, bitte!" verhallt indessen ungehört. Zwar schreibt die EU in ihrer Umgebungslärmrichtlinie Lärmkarten von Ballungsräumen und Verkehrsadern vor.

Aber in Deutschland ist es deshalb nicht ruhiger geworden. Dabei quälen nicht nur an Autobahnabfahrten oder der Rasenmäher des Nachbarn weiterhin hohe Dezibelwerte das Ohr. Auch im Krankenhaus.

Eine Studie der Kinderchirurgie in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) - sie soll hier pars pro toto stehen - ergab: Der Krawall im OP ist beträchtlich.

Chirurgen, Anästhesisten, Schwestern, Gastärzte und Medizinstudenten reden, medizinische Geräte lärmen und alle zusammen hinterlassen eine Spur der Unruhe und Konzentrationsschwäche. Dazu dudelt das Radio, Pieper und Handys klingeln.

"Der durchschnittliche Lärmpegel im OP liegt bei 63 Dezibel", erklärt Dr. Carsten Engelmann, der die Studie mit verfasst hat. Das ist etwa so laut wie ein Motor-Rasenmäher in zehn Metern Entfernung.

"Extrem wird es, wenn beispielsweise OP-Bestecke in eine Metallschüssel geworfen werden oder wenn ein Hocker umfällt. Dann kommt es zu kurzzeitigen Spitzen von bis zu 100 Dezibel", sagt der Chirurg. Laut Umweltbundesamt ist höhere geistige Arbeit ab 55 Dezibel nachhaltig gestört. Gehörgefährdung beginnt ab 85 Dezibel.

Mehr Lärm, mehr Stress

Und mit dem Lärmpegel im OP steigt unmerklich der Stress. Denn dem äußeren Lärm folgt der innere bei den Ärzten und Schwestern. Durch den Lärm gibt es eine beträchtliche Ablenkung, von der sie bislang nichts gemerkt haben.

Die Studie aber zeigte, dass eine größere Ruhe im OP die Komplikationsrate um sagenhafte 50 Prozent gesenkt hat. "Es gab beispielsweise weniger Nachblutungen, Infektionen und Nahtinsuffizienzen", erklärt Engelmann.

Um den Lärmpegel auf "gesunde" 60 Dezibel zu senken, hatten die Operateure nichts anderes getan als die Privatgespräche und -telefonate im OP einzustellen und einen visuellen Geräusch-Warner aufzustellen.

Außerdem schalteten sie das OP-Telefon auf das optische Signal um, fuhren die Geräuschkulisse der Geräte herunter und schlossen die Türen. Von dem Studien-Ergebnis waren die Chirurgen "völlig überrascht", heißt es in der Mitteilung der MHH.

Das kann nur bedeuten, dass sie von der ständigen Lärmbelastung bei der Arbeit gar nichts gespürt hatten. Die Gewöhnung an den Lärm hatte sein Erleben abgeschliffen. Er wurde wie ein permanenter kleiner Schmerz, den man irgendwann nicht mehr spürt. Aber er wirkte - bis hinein in die Op-Resultate.

Abgestumpft gegen Lärm und Licht

Grund dafür dürfte sein, dass es für die Zeitgenossen kaum mehr die Erfahrung von Stille gibt. Wer kann heute noch tatsächlich so grundlegende Erfahrungen zurück greifen? Die Erfahrung von dunkler Nacht oder tiefer Stille ist für die meisten so verloren gegangen wie Hunger oder das Gefühl zu frieren.

Auch in der EU fehlt eine Richtlinie für effektiven Ruheschutz. Weil die Karten nur den Lärm zeigen und nicht, ob eine lärmfreie Zone ein Acker oder eine Wohnstraße ist, zeigen sie auch nicht, wo die Ruhe geschützt werden müsste.

"Wir müssen die schützenswerten Ruhegebiete erst mal finden", so Matthias Hintzsche vom Umweltbundesamt. Längst ist also der Durchschnittsmensch gesättigt und eingehüllt von lärmender, beleuchteter Aktivität. Abgestumpft gegen Licht und Lärm.

Dass der "Tag gegen den Lärm" sich dieses Problems annimmt, ist gut. Dutzende von Aktionen bietet der Tag: Veranstaltungen der Tinnitus -Liga, Diskussionen zum Lärm in Klassenzimmer oder an Bahnstrecken.

Leider finden sich weder Kliniken, Pflegeheime noch Arztpraxen oder andere medizinische Einrichtungen unter den Veranstaltern. Dabei dürfte es auch manchem Montagmorgen an der Anmeldung der Hausarztpraxis gut tun, wenn die Chefs Wege finden, Lärm und Hektik herunterzufahren.

Anfänge gibt es, nicht nur an der MHH. Mit dem "Team Time Out" vor Operationen bereiten sich inzwischen viele Teams auf die vor ihnen liegende Op vor.

Nach den Vorbereitungen und unter Anwesenheit aller Beteiligten heißt es dann für eine Minute: Ruhe, bitte!

[30.04.2014, 12:21:48]
Dr. Horst Grünwoldt 
OP-Lärm
Eigentlich sollte der Operations-Raum/Saal ein Ort der Stille sein, um höchste Konzentration der Chirurgen und Anästhesisten bei ihrer schwierigen Arbeit zu garantieren.
Bei der Geburt meines Sohnes war das im Kreißsaal überhaupt nicht der Fall. Es wurde die Gebährende -obwohl nicht in Ohnmacht oder unter Narkose- von den Umherstehenden während der Wehen lautstark angefeuert wie bei einem Boxkampf.
So richtig Lärm wurde dann aber erzeugt, als die junge Oberärztin zu den Instrumenten griff, um ritsch-ratsch den Dammschnitt zur Erweiterung des Geburtskanals durchzuführen. Dabei hat sie -wie üblich- die Gerätschaft wieder klappernd in die metallene Nierenschale abgeworfen.
Der Gipfel der Behandlung war damals aber, die (kontaminierten) Blutgerinnsel im Wundverschluß zu begraben. Da mußte ich ihr sogar als erfahrener Tierarzt prognostizieren, daß das Nahtmaterial wohl am dritten Tag in der Toilette liegen würde und der Schnitt handtellergroß klaffen würde. So kam es dann auch..., und ich mußte die Liebste noch zehn Tage zu Hause im Intimbereich pflegen.
Wie geräuschempfindlich sogar betäubte Tiere sein können, ist jedem Veterinär bekannt.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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