Ärzte Zeitung, 12.02.2015

Dr. Fritz Kahl

Begeisterter Arzt und moralisches Vorbild

Margarete und Dr. Fritz Kahl riskierten während der Nazi-Diktatur ihr Leben, um andere zu retten. Ihr Sohn hält die Erinnerung an die vorbildhaften Taten seiner Eltern aufrecht - und gibt ihre Lebensbotschaft nun an andere weiter.

Von Pete Smith

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Die Familie Kahl im Jahr 1946: Vater Dr. Fritz Kahl (links) und der damals 19-jährige Eugen Kahl (hinten rechts).

© Privat

BERLIN. Das Beispiel seiner Eltern, sagt der Berliner Internist Dr. Eugen Kahl, sei für ihn zeit seines Lebens eine Richtschnur gewesen - seit seiner Geburt im Jahre 1927 in Frankfurt am Main.

Zu seinem Vater, der "ein begeisterter Arzt" gewesen sei, habe er immer ein sehr warmes Verhältnis gehabt, erzählt er, häufig habe er ihn bei Hausbesuchen begleitet und viel von ihm gelernt.

Seine Mutter, die ihren Mann in seiner hausärztlichen Praxis im Frankfurter Stadtteil Bockenheim unterstützte, sei eine "grenzenlos hilfsbereite Frau gewesen, die sich aufopferungsvoll für Schwache und Verfolgte einsetzte und liebevoll um ihre vier Kinder kümmerte".

"Ausgesprochen braune Schule"

Mit dem Aufstieg der Nazis sollte sich das Leben der Kahls grundlegend verändern. Ein erster Einschnitt bedeutete der sogenannte "Mord von Potempa".

Im August 1932 prügelten fünf SA-Schläger im oberschlesischen Dorf Potempa einen polnischen Gewerkschafter tot, woraufhin sie zunächst zum Tode verurteilt, auf Druck der NSDAP jedoch begnadigt wurden.

Der Fall, der großes Aufsehen erregte, habe seinem Vater vor Augen geführt, welch große Bedrohung von den Nazis ausging, erzählt Eugen Kahl. Die Machtergreifung Hitlers und die daraufhin einsetzende Entrechtung der Juden sollten ihm bald Recht geben.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten auch in Frankfurt Synagogen. Zu jener Zeit ging Eugen Kahl, damals elf Jahre alt, auf die Wöhler-Oberschule, damals "eine ausgesprochen braune Schule".

Als sein Religionslehrer am Tag nach den Pogromen seinen Schülern heiter mitteilte, dass "die Mauschelbude der Juden brennt", nahmen ihn seine Eltern von der Schule und meldeten ihn am liberalen Lessinggymnasium an.

Mit Dr. Otto Loewe, dem ehemaligen Chefarzt des Frankfurter Markuskrankenhauses, fiel auch ein Freund der Familie den Novemberpogromen zum Opfer. Beide Ereignisse, so Eugen Kahl, hätten ihn nachhaltig geprägt.

In Frankfurt, erzählt der Internist, habe es nach Ausbruch des Kriegs nur drei oder vier nichtjüdische Ärzte gegeben, von denen bekannt war, dass sie Juden behandelten. Sein Vater sei einer von ihnen gewesen.

Als er damit trotz Warnungen der Ärztekammer nicht aufhörte, wurden 1941 ihre Lebensmittelrationen gekürzt. Dennoch schickte die Mutter ihren ältesten Sohn mit Lebensmitteln heimlich zu jüdischen Familien, die noch weniger hatten und hungerten.

1943 wurde Eugen Kahl mitsamt seiner Klasse als Flakhelfer rekrutiert. Bei einem Heimatbesuch machte er eine ungeheuerliche Entdeckung: Auf dem Dachboden ihres Hauses in der Blanchard- straße 22 versteckten seine Eltern einen Juden.

Robert Eisenstädt war aus dem KZ Majdanek geflohen. Seine Verlobte Eva Müller, ebenfalls Jüdin, hatte sich keinen anderen Rat gewusst als ihren Arzt Dr. Kahl um Hilfe zu bitten.

Vier Wochen lang harrte der von der SS schwer misshandelte Eisenstädt in seinem Versteck aus. Währenddessen organisierten Margarete und Fritz Kahl seine Flucht.

Die Schweiz erschien ihnen am sichersten, doch das Nachbarland nahm nur Schwangere und Kleinkinder auf.

Da Robert Eisenstädt nach den Misshandlungen im KZ zu einem normalen Zeugungsakt nicht mehr fähig war, entschloss sich der Arzt zu einem ungewöhnlichen Schritt: eine künstliche Befruchtung.

Tatsächlich wurde Eva Müller bald darauf schwanger. Am 21. Februar 1943 gelang ihr und ihrem Verlobten die Flucht über die Grenze. Am 8. Juli kam in Basel Tochter Adina Maja zur Welt, 1947 emigrierte die Familie in die USA.

Um die heldenhaften Helfer wurde es nach Kriegsende still. Dr. Fritz Kahl, vom Frankfurter Stadtkommandanten 1945 kurzzeitig zum "City Health Director" ernannt, arbeitete weiter als Arzt. 1974 starb er, 16 Jahre nach dem Tod seiner Frau Margarete.

Von ihren vier Kindern leben heute noch zwei. Eugen Kahl ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten.

Nach seinem Medizinstudium in Frankfurt, Chicago und Freiburg ist er von 1966 bis 1991 Chefarzt der Inneren Abteilung des DRK-Krankenhauses Jungfernheide in Berlin gewesen. Auch er hat vier Kinder, von denen wiederum zwei Ärzte sind.

Vielleicht wäre das heldenhafte Verhalten seiner Eltern nie öffentlich geworden, sagt Eugen Kahl, wenn ihn nicht 1986 seine jüngste Tochter gebeten hätte, seine Erinnerungen an einst zu Papier zu bringen.

Über Umwege gelangten seine Aufzeichnungen an die Berliner Historikerin Beate Kosmala, die schließlich den Kontakt zur jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem herstellte.

Richtschnur für junge Leute

Am 21. August 2006 nahmen Eugen Kahl und sein Bruder Gerhard in der israelischen Botschaft in Berlin im Namen ihrer Eltern die höchste Auszeichnung entgegen, die der Staat Israel an Nichtjuden vergibt. Seither gehören Margarete und Fritz Kahl zu den "Gerechten unter den Völkern".

Seit 2008 erinnert in Frankfurt-Bockenheim die "Margarete- und-Fritz-Kahl-Anlage" an ihr Wirken. Im selben Jahr wurde in Berlin die Ausstellung "Stille Helden" eröffnet, zu der der Senat auch Maja Hill, geborene Eisenstädt, einlud, die inzwischen in Columbia im US-Bundesstaat Missouri lebt.

65 Jahre nach der Flucht ihrer Eltern traf sie mit Gerhard und Eugen Kahl in Berlin zum ersten Mal die Söhne ihrer Retter.

Das Beispiel seiner Eltern, meint Eugen Kahl, könnte auch für die heutige Generation junger Leute Richtschnur sein. Daher hält er in Schulen Vorträge und diskutiert mit den Schülern über Zivilcourage.

"Jeder Mensch hat eine Verantwortung", sagt er, "der muss man sich stellen." Im vergangenen Jahr hat er erstmals auch vor Schülern des Frankfurter Lessinggymnasiums gesprochen. In der Wöhlerschule war er noch nicht.

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