Ärzte Zeitung online, 27.07.2016
 

Pinkeln für die Wissenschaft

Belgische Forscher wollen Urin-Bier brauen

Ekelig aber genial? Belgische Forscher wollen Bier aus Urin brauen. Doch das ist kein Marketing-Gag: Mit ihrer Idee möchten sie Bauern in Afrika helfen.

Kein Scherz: Forscher aus dem belgischen Gent wollen Bier aus Urin machen. Würden auch deutsche Biertrinker das Getränk annehmen? © Werner Heiber/

Kein Scherz: Forscher aus dem belgischen Gent wollen Bier aus Urin machen. Würden auch deutsche Biertrinker das Getränk annehmen?

© Werner Heiber/Fotolia

GENT. Ein Professor ließ Festivalbesucher im Namen der Wissenschaft urinieren. Unter dem Motto "Pinkeln für die Wissenschaft" haben die Wissenschaftler rund 1000 Liter Urin gesammelt.

Ihr Ziel: Bier aus der Flüssigkeit brauen, wie Wasserexperte Arne Verliefde von der Universität Gent der dpa erklärte.

Extraktion von Düngerstoffen

Die Wissenschaftler testeten dabei ein Verfahren, um Düngerstoffe und Trinkwasser aus Urin zu filtern. Hauptziel des Projektes ist es, billigen Dünger für Entwicklungsländer herzustellen. Was hierzulande im Überfluss vorhanden ist, daran mangelt es oft dort. Dieses Problem gehen die Wissenschaftler an.

Aus dem Urin der Festivalbesucher haben die Forscher mit einer speziellen Anlage Stickstoff, Kalium und Phosphor gefiltert gewonnen - und rund 950 Liter Trinkwasser.

Nach der Prüfung durch staatliche Labore soll das Wasser zum Brauen eines Spezialbieres genutzt werden.

Humor auf Belgisch

Das Pinkel-Bier soll Vorurteile überwinden, sagt Verliefde: "Ich weiß, dass viele das eklig finden."

Dabei seien doch gerade die Belgier für ihre Bier-Tradition bekannt – und jetzt ein Bier aus Urin? "Hier machen wir Witze, dass die Niederländer das schon seit Jahrhunderten tun", sagte Verliefde.

Von der einwandfreien Qualität ist der Bierkenner Verliefde überzeugt, denn Trinkwasser aus Urin sei geschmacksneutral und schadstofffrei.

Nicht sein erstes "Spezialbier"

Erfahrung mit ungewöhnlichen Bieren hat der Forscher. Gemeinsam mit der Genter Stadtbrauerei "De Wilde Brouwers" (Die wilden Brauer) haben die Forscher bereits aus geklärtem Abwasser Bier gebraut. "Das ist ein leckeres Bierchen", sagt der Wasserexperte.

Das Filterverfahren der Belgier soll in Entwicklungsländern eingesetzt werden. "Bauern dort haben oft keinen Zugang zu billigem Dünger", erklärte Verliefde.

Europäische Fußballfans pinkeln für afrikanische Bauern

Aus 1000 Liter Urin könne man genug Dünger gewinnen, um 135 Kilogramm Mais zu produzieren. Um schnell eine große Menge Urin zu sammeln, sollten die Anlagen auf Festivals, bei Fußballspielen oder an Flughäfen aufgestellt werden.

An sich keine neue Idee: Technisch ist es schon länger möglich, aus Urin Trinkwasser zu gewinnen. So werden beispielsweise Astronauten auf einer Raumstation versorgt. (ajo/dpa)

[28.07.2016, 17:43:16]
Thomas Georg Schätzler 
Pecunia non olet?
„Geld stinkt nicht“ geht zurück auf den römischen Kaiser Vespasian. Im alten Rom wurde Urin, insbesondere der übelriechende „gefaulte“ welcher alkalisches Ammoniak bildet, als Mittel für die Ledergerbung und die Wäschereinigung eingesetzt. So wurden in Rom an belebten Straßen Amphoren artige Latrinen aufgestellt, um den Urin einzusammeln, der von den Gerbern und Wäschern benötigt wurde (nach WIKIPEDIA).

Ein nachfolgender, als "Latrinensteuer" geforderte Obolus verlor mit zunehmendem Umtausch in höherwertige Münzen seinen Uringeruch: "Nach dem Klo und vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen", wurde erst viel später erfunden!

Was aber heutzutage mit möglichen Medikamenten-, Umweltgiften-, Drogen-, Hormon- und landwirtschaftlichen (Dünge)-Rückständen etc. belasteter, ultrafiltrierter Urin, ebenso wie potenziell belastetes Trink- und Grundwasser ausgerechnet in der Bier-Herstellung zu suchen hat, bleibt auch mit dem abwegigen Beispiel aus der bemannten Raumfahrt unerfindlich.

Grundsätzlich landen alle Niederschläge und Abwässer, ob natürlich-, chemisch-, industriell- oder menschen-gemacht, im ständigen Wasserkreislauf zwischen Atmosphäre, Fluss, See, Meer, Oberflächen und Grundwasser. Als Trink- und Getränkewasser darf nur und ausschließlich unbelastetes und mehrfach geprüftes ultrafiltriertes, rückstandsfreies Wasser verwendet werden und k e i n Oberflächenwasser, zu dem zweifelsfrei menschlicher (und tierischer) Urin gehört.

Die rein optische Ähnlichkeit schließt m. E. jegliche kulinarische Beziehung zwischen Bier und Urin aus.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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