Ärzte Zeitung, 22.10.2016

Tag des Stotterns

Stotterer fordern mehr Akzeptanz

Stotterer erleben ihre Krankheit oft als traumatisierend. Dabei könnte ihnen ganz einfach geholfen werden, meint ein prominenter Betroffener.

BAD EMSTAL. Stottern kann sich auf die Lebensplanung der Betroffenen auswirken. Aus Angst vor der Blamage würden sich viele Stotterer für eher non-verbale Berufe entscheiden, weiß Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, Institutsleiter der Kasseler Stottertherapie und Facharzt für Allgemeinmedizin, Stimm- und Sprachstörungen: "Viele Betroffene vermeiden das Sprechen."

Von Gudenberg, der selbst vom Patienten zum Therapeuten wurde, kennt das Problem: "Ich musste selbst viele Demütigungen einstecken", erinnert er sich anlässlich des Tags des Stotterns am 22. Oktober. In 25 Jahren hat er zwölf Therapien auf drei Kontinenten kennengelernt.

Ein Prozent der Deutschen stottert

Inzwischen kommt er mit der Krankheit gut zurecht. Er braucht nur manchmal länger, um auf überraschende Fragen zu reagieren, wählt die Wörter bewusst und mit Bedacht. Er sagt über sich, er sei ein Stotterer vom Typ "Ich will es allen zeigen".

Traurig sei allerdings, dass Betroffene die Krankheit oft als "traumatisierend" erlebten. "Die Krankheit kann zu anderen Problemen führen, in Extremfällen sogar zu Suizid-Neigung und Alkoholismus", so von Gudenberg.

800.000 Deutsche, also ein Prozent der Bevölkerung, stottern. Die Veranlagung tragen viele Menschen in sich, doch nicht bei jedem wird das Stottern zwangsläufig ausgelöst. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, beispielsweise die Scheidung der Eltern oder ein Unfall, sind nicht die Ursache des Stotterns, sondern meist Auslöser und begünstigen somit das Auftreten der neurologischen Erkrankung.

Hohe Rückfallquote

"Je eher die Krankheit behandelt wird, desto erfolgreicher ist die Therapie", fasst von Gudenberg zusammen, der in seinem Institut in Bad Emstal bei Kassel etwa 300 Patienten pro Jahr behandelt. Eine gute Therapie müsse langfristig erfolgreich sein, denn die Rückfallquote sei hoch. Hat sich das Stottern bis ins Erwachsenenalter nicht gegeben, bestehen nur geringe Aussichten auf vollständigen Rückgang.

Der ebenfalls stotternde Grünen-Politiker Malte Spitz fordert "einen normalen Umgang mit Stotterern." Hilfreich wäre es seiner Meinung nach, wenn Stotterer zum Beispiel auch als Sprecher in Nachrichtensendungen eingesetzt würden. Würde dort entspannt mit Betroffenen umgegangen, wäre das auch in der Gesellschaft schnell akzeptiert. (dpa)

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