Ärzte Zeitung online, 06.03.2017
 

Humanitäre Hilfe

Israelis operieren verletzte Syrer

Seit sechs Jahren tobt der Syrien-Krieg. Die ärztliche Versorgung wird immer schwieriger. Im verfeindeten Israel erhalten Verletzte neue Kiefer oder lernen wieder laufen.

Von Stefanie Järkel

Israelis operieren verletzte Syrer

Seit März 2011 tobt in Syrien auch ein von außen befeuerter Bürgerkrieg. Israel hat seit 2013 laut Armee insgesamt rund 3000 verletzte Syrer behandelt.

© AP Photo/Manu Brabo, File / dpa

NAHARIJA. Kusai ist ein einfacher Mann, ein Farmer aus der Nähe von Damaskus. Der 23-Jährige arbeitete auf dem Feld, als er bei einem Bombenangriff verletzt wurde. "Ich habe nur gesehen, wie ich blutete", erzählt er von den Augenblicken danach. Die linke Hand ist eingewickelt in einen Verband, der Daumen seltsam kurz, seine rechte Hand ist steif.

Kusai sitzt im "Galiläa Medizin-Zentrum" in Naharija, einer Stadt im Norden Israels. Nachbarn hätten ihn nach dem Bombenangriff in ein Krankenhaus in der Nähe gebracht, erzählt er. Doch zur Behandlung musste und wollte er ins verfeindete Nachbarland.

Probleme mit der Finanzierung

Seit März 2011 tobt in Syrien auch ein von außen befeuerter Bürgerkrieg. Israel hat seit 2013 laut Armee insgesamt rund 3000 verletzte Syrer behandelt. Das Land ist für seine gute medizinische Versorgung bekannt. Mehrere Kliniken im Norden des Landes nehmen die Menschen auf, Ärzte operieren sie, Pfleger helfen ihnen. Danach gehen sie wieder nach Syrien zurück.

Israel hat bisher Dutzende Millionen Euro für die Behandlungen gezahlt. Doch nun droht das Gesundheitsministerium mit einem Stopp des Hilfsangebotes: Die Krankenhäuser erhielten nicht genügend Geld vom Staat und blieben auf einem großen Teil ihrer Ausgaben sitzen, heißt es in einem Brief an das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Aktuell ist das Verteidigungsministerium für die Finanzierung zuständig.

"Das ist die einzige Möglichkeit für eine Behandlung", sagt Kusai über die Hilfe in Israel. "Es gibt keine Chance, eine Behandlung durch das Regime zu bekommen." Sein Dorf in Syrien befinde sich unter der Kontrolle der Opposition.

Der junge Mann sagt seinen Nachnamen nicht. Die Syrer müssen aufpassen, wem sie von ihrer Behandlung in Israel erzählen. Immerhin gilt der jüdische Staat als böse und gefährlich.

"Wir lernen schon als Kinder, dass Israel Feindesland ist", sagt Rasi aus Damaskus. Er sitzt im Rollstuhl neben Kusai. Sein linkes Bein ist fixiert. Vor zweieinhalb Jahren sei er in Damaskus auf der Straße beschossen worden. Er ging nach Jordanien. "Aber die Behandlung war nicht so professionell", sagt er. Seit vier Monaten ist er nun in Naharija. Sonst arbeitet er für die syrische Regierung.

Bunker im Krankenhaus

"Sie haben mich wie einen Menschen behandelt, nicht wie eine Person, die aus Syrien kommt", sagt er nun über die Israelis. Er lerne Hebräisch, schnappe hier und da einzelne Wörter auf. Die Männer leben in einem Bunker mit beigen Wänden und Trennwänden. Ein Teil des Krankenhauses ist unterirdisch und bombensicher. Die Grenze zum ebenfalls verfeindeten Libanon ist weniger als 30 Kilometer entfernt. Die verletzten Syrer werden gemeinsam in einem Raum untergebracht, ein Sicherheitsmann sitzt an der Tür. Israel schützt sie – und sich. Die verletzten Syrer kommen nun mit Unterstützung einer internationalen Hilfsorganisation an den Grenzzaun. Die israelische Armee kontrolliert sie. "Wir behandeln nur Zivilisten" sagt ein führender Offizier der nördlichen Streitkräfte. "Wir behandeln nur Zivilisten."

Nicht jeder lobt die Hilfe Israels für die Syrer. Israel hat 1967 im Sechs-Tage-Krieg auch einen Teil der syrischen Golanhöhen erobert. Dort leben 25 000 Drusen in vier Dörfern. Einige von ihnen sehen sich immer noch als Syrer und werfen Israel vor, eben nicht nur Zivilisten ins Land zu holen.

Israel hält sich im Syrien-Krieg betont zurück, hat allerdings immer wieder Ziele in dem Nachbarland beschossen, um Waffenlieferungen an die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah zu unterbinden. Naharija liegt etwas mehr als eine Stunde Autofahrt vom Grenzgebiet zu Syrien entfernt. Im örtlichen Krankenhaus sind bisher mehr als 1500 Syrer behandelt worden, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Ejal Sela. Der Arzt hofft, dass die Syrer zurückgehen und erzählen werden, dass die Israelis ihnen geholfen haben – dass die Feindschaft irgendwann endet. "Vielleicht werden unsere Kinder eine bessere Zukunft haben", sagt Sela. (dpa)

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