Ärzte Zeitung online, 24.03.2017

Spracherwerb

So wachsen die Fasern des Gehirns

Von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Spracherwerb berichtet Professor Angela Friederici, Direktorin der Abteilung Neuropsychologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Vizepräsidentin der Max-Planck-Gesellschaft.

Ärzte Zeitung: Der Autor Walter Benjamin hat ab etwa 1920 minutiös die Sprachentwicklung seines Sohnes dokumentiert. Was kann man schon aus solchen Beobachtungen lernen?

Prof. Dr. Angela D. Friederici: Bevor man eine wissenschaftliche Äußerung tätigt, hätte man natürlich gerne Informationen über mehr als nur ein Kind. Aber in der Tat war eine genaue Beobachtung eines Kindes zu dieser Zeit eine Möglichkeit, systematisch etwas über den Spracherwerb herauszufinden. Das macht man auch heute noch, weil vor allem die Sprachproduktion anders nicht zu erfassen ist.

Wie sieht das heutzutage aus?

Es gibt heute weltweite Netzwerke, die Informationen von Kindern in verschiedenen Altersstufen oder Sprachhintergründen sammeln. Dort werden riesige Datenmengen generiert. Die andere Art, sich heute der Frage des Spracherwerbs zu nähern, ist die systematische Erforschung des Sprachverstehens. Dabei wird untersucht, ab wann Kinder komplexere grammatikalische Konstruktionen verstehen – etwa, wenn ein Objekt und nicht das Subjekt am Satzanfang steht.

Gibt es dabei Unterschiede je nach Grammatik?

Wenn wir erwachsen sind, scheinen manche Sprachen schwieriger als andere. Dem Kind ist das aber egal, es kommt mit einem offenen, universalen Sprachnetzwerk auf die Welt. Das Gehirn ist also erst einmal dafür ausgelegt, jede Sprache zu lernen. Abhängig davon, welche Sprache es ist, wird es dann aber moduliert, wie wir kürzlich zeigen konnten.

Wie sieht die Modulation aus?

In unserem Gehirn sind die Areale, die komplexe Sätze verarbeiten, durch Fasern miteinander verbunden. Die Stärke dieser Faserverbindungen variiert, je nachdem, welche Sprache ich erlernt habe. Wir haben dies anhand von Deutschen, Engländern und Chinesen nachgewiesen, die jeweils nur eine Sprache erlernt haben. Das Gehirn legt sich sozusagen fest. Wer aber hingegen früh mehrsprachig ist, erhält ein strukturelles Netzwerk, das für neue Sprachen offener ist.

Deshalb ist Spracherwerb für Erwachsene schwieriger?

Ja. Wir wollen aber derzeit in einer größeren Untersuchung herausfinden, ob sich diese Hirnstruktur auch später durch ein intensives Lernprogramm noch ändern lässt. In unserem Trainingsprogramm lernen zumeist arabischsprachige Erwachsene im Alter zwischen 20 und 30 Jahren über sechs Monate hinweg jeden Tag fünf Stunden eine neue Sprache. Wir wollen sehen, ob sich die Faserverbindungen noch stärken lassen, wenn ich sie viel benutze.

Hat das auch Auswirkungen auf andere geistige Fähigkeiten?

Es könnte sehr gut sein, dass bestimmte kognitive Fähigkeiten davon profitieren, es ist im Moment aber noch unklar, welche. Was wir schon eindeutig feststellen konnten, ist der Zusammenhang zwischen Legasthenie und bestimmten Faserverbindungen, die schwächer sind. Durch eine Untersuchung des Gehirns können wir schon bei Fünfjährigen eine hohe Voraussagewahrscheinlichkeit für eine meist erst später diagnostizierte Legasthenie treffen.

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